Über ihre früheste Kindheit in Wien schrieb Gertrude Stein späterhin: "Es gab den ersten Kontakt mit Büchern, mit Bilderbuchern aber jedenfalls Büchern da in Bilderbüchern die Bilder erzählen." Ein Bilderbuch im besten Sinne (und ein exquisites Lesebuch dazu) ist auch Renate Stendhals dokumentarische Collage "Gertrude Stein – Ein Leben in Bildern und Texten", die jedem Stein-Novizen und jedem bisherigen Stein-Abstinenzler auf besondere Weise einen "ersten Kontakt" mit der Mutter der Moderne ermöglicht. Zwar sind plan autobiographische Annäherungen nie ganz unproblematisch, und wer sich in Bildbänden wie diesem mit der Lebensgeschichte eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin einlaßt, wandelt auf einem schmalen Grat zwischen den Gefahren der im Privaten schnüffelnden Ablenkung vom Wortwerk einerseits und der beliebigen, keinen Mehrwert bringenden Textbebilderung andererseits.

Die Stein-Übersetzerin Renate Stendhal jedoch meistert diese Gratwanderung sicheren Schritts und mit Bravour, und das hat zwei Gründe. Der erste liegt in ihrer Methode, literarisches und dokumentarisches Material so wohlüberlegt zu verzahnen, daß die Beziehungen zwischen Leben und Werk zwar greifbar werden und doch keine simplifizierende Übertragbarkeit suggeriert wird; der zweite und entscheidende Grund des Gelingens ist Gertrude Stein selbst und die Rückhaltlosigkeit, mit der sie ihr Werk lebte und ihr Leben als Text inszenierte.

Die Photos dieses Bandes verraten es: Gertrude Steins Leben war kein ungeformter Stoff, sondern das Produkt gestaltenden Kunstwollens. Der Gang und die Erlebnisse ihrer Kindheit arrangierte Gertrude Stein im nachhinein in den Texten neu; von ihrem dreißigsten Jahr an aber wurde das Verfahren vereinfacht: Die Vita wurde direkt, im Augenblick des Erlebens, arrangiert. Die Bilder und Zeugnisse der spateren Gertrude Stein mußten nicht mehr zu Texten umgemodelt werden, sondern sind selbst bereits als Bruchstücke eines Subtextes angelegt: als inszenierte Elemente eines Lebenstextes jenseits der geschriebenen. Daß Gertrude Stein mit dem alle Konventionen sprengenden Subtext ihres Lebens bis heute erfolgreicher geblieben ist als mit ihrem umfangreichen Werk, ist unter diesem Blickwinkel vielleicht sogar verschmerzbar.

Literarische Avantgardisten pflegen gemeinhin in ihrer Klause zu hocken, wogegen auch gar nicht polemisiert werden soll; Gertrude Stein aber füllte die Klatschspalten der Tagespresse, ließ sich von der First Lady empfangen und ging auf Tournee durch Militärstützpunkte im besetzten Deutschland: Sie war ein frühes Pop-Ereignis. Zur unaufdringlichen Umlenkung des Interesses an der Pop-Ikone Gertrude Stein auf ihr Werk ist Renate Stendhals Bilderbuch beinahe ideal: Überzeugend in der Konzeption, ambitioniert in der Umsetzung und opulent in der Ausstattung, ist es ein rundum gelungenes Buch zum Leben zum Buch.

Friedhelm Rathjen