Von Oksana Bulgakowa

Zwölfmal im Jahr gab es Defa-Premieren. Jeden Monat lief ein neuer Film seine obligatorische Woche in einem der zwei besten Berliner Kinos und vertrieb so unter dem Stöhnen der Theaterleiter die importierten Schlager der Saison. Nach einem Jahr gab es die ebenso obligate Fernsehausstrahlung, vielleicht auch eine Wiederholung im Studiokino, neben Filmen mit Kunstanspruch.

Das vergangene Kinojahr begann und endete mit Frank-Beyer-Filmen: "Der Bruch" im Januar und im Dezember "Spur der Steine", dem ersten freigegebenen "Regalfilm" von 1965. Nostalgische Schnulze mit Zugpferd Götz George; Baustellendrama mit viel Beton und der frechen Schnauze von Manfred Krug. Beide Premieren wurden politisch gefeiert, als deutsch-deutsche Annäherung und als deutsche demokratische Befreiung mit Shakehands zwischen Egon Krenz und dem Liebling von Kreuzberg. Ansonsten war "Dirty Dancing" der Kassenerfolg des Jahres 1989.

Aufgemuntert durch den Erfolg mit alten Filmen im anderen Stadtteil bei der Berlinale, forderten die Filmemacher Ende Februar auf ihrem Kongreß, die Kulturerrungenschaft Defa-Film zu retten. Was ist zu retten und für wen? Das Publikum – beim zuletzt bestbesuchten Film "Bruch" 600 000 Stimmen für Schimanski – wird nicht gefragt. Es geht um die Kunst oder – präziser – um die geschützte Domäne der großzügigen staatlichen Subventionen. Man vergißt dabei, daß die Achtelmilliarde nie zum Erhalt der Kunst ausgegeben wurde: Film mußte der Ideologie dienen. So sah es der Mäzen Staat.

Die Befreiungsversuche aus diesem Zwang reichten nicht weiter als bis zu der guten alten Tradition des 19. Jahrhunderts: Intelligenz als Sprecherin der sprachlosen Massen, die besser weiß, was für die Massen besser ist. Da vieles im Leben unaussprechbar war, mußte die Kunst die Ersatzfunktion (für Soziologie, Ökonomie, Publizistik et cetera) auf sich laden und versuchen, "kunstvoll verschleiert" etwas anzudeuten, das im Alltagsbewußtsein längst hinreichend bekannt war. So entwickelte sie sich zwischen dem Privileg zu sprechen (für alle) und der Fähigkeit, das Gesagte zu kaschieren. Kein Genrekino, kein Autorenkino; Film ohne Publikum, dafür mit Problem – ein Phänomen der sozialistischen Kunst.

Was kriegen nun die aufgeweckten Massen in den DDR-Kinos zu sehen – in der gewandelten Landschaft offener Medien, berstender Zeitungskioske, offener Grenzen und offener Ängste, im Trubel der Demos, Wahlkampagnen, im Schweiß der Schlangen und Geldtransaktionen? Ob sie die Filme der letzten Jahre wenigstens als einen trüben Spiegel akzeptieren werden? Welche Schlüsse können die Kulturarchäologen über das Jahr 1989 im östlichen Teil Deutschlands angesichts dieser Werke ziehen?

Zehn Verbotsfilme aus den sechziger Jahren, zwölf Filme des letzten Jahres und ein paar bereits abgedrehte für den Anfang des neuen: Sie gingen allesamt in Produktion vor der "Wende". Die Drehbücher, die Ideen sind fünf, sieben, zehn Jahre alt: DDR-Dauerbrenner. Zunächst die üblichen Spiele mit Anspielungen in historischen Gewändern, die im modernen Anzug keiner auszusprechen wagte. Französische Revolution und preußische Enge. Der verzweifelte Pestalozzi. Der rebellische Alexander von Humboldt. Der geknickte Forster. "Pestalozzis Berg", "Treffen in Travers", "Die Besteigung des Cimborazo". Überall Berge. Besteigung als Selbsterkenntnis. Vor dem Hintergrund entblößter Torsi (mal Mann, mal Frau) philosophieren die Helden über Despotie und entdecken dabei, daß Freiheit eine innere Angelegenheit jedes einzelnen ist, der sich nur von den Verhältnissen freimachen muß. Es geht um Befreiung ("Die preußische Windstille stinkt schon zum Himmel"). Auch von Zeit. Doch die Menschen sind ihre Gefangenen. Kino mit kompensatorischer Funktion: Lachen und Weinen über den eigenen Provinzialismus.