Wenn Jürgen Hippenstiel-Imhausen im Großen Saal des Mannheimer Landgerichts zwischen seinen Anwälten Platz nimmt, macht er zunächst den Eindruck, als begänne hier gleich eine wichtigere Geschäftsbesprechung. Lässig schiebt er den Aktenkoffer unter die Anklagebank und fischt daraus routiniert noch einige Schriftstücke. Der ehemalige Geschäftsführer der Imhausen-Gruppe mag sich darüber beklagen, daß die Beschwernisse der seit mehr als einem Jahr andauernden Untersuchungshaft ihn "in allem reduziert" hätten. Die Schwere des Vorwurfs, eine komplette Produktionsanlage zur Herstellung von Kampfgasen wie Lost und Sarin nach Libyen verkauft zu haben, scheint ihn freilich nicht weiter zu berühren.

Die Gelassenheit des Angeklagten ist angesichts der bundesdeutschen Strafvorschriften für eine solche Tat nicht verwunderlich. Der Bau einer Giftgasfabrik im Ausland ist nach deutschem Recht bisher nicht strafbar. Was Hippenstiel in diesem am Montag eröffneten Verfahren vor der Dritten Wirtschaftskammer des Landgerichts Mannheim vorgeworfen wird, ist lediglich ein Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz, das die Exportbeschränkungen regelt. Die Höchststrafe dafür sind drei Jahre Haft. Ein Strafmaß, das allerdings nur vorgesehen ist, wenn der Angeklagte durch seine Handlungen bewußt die Beziehungen der Bundesrepublik zu anderen Staaten schwerwiegend beeinträchtigt hat.

Erst der Fall Imhausen hat die Bundesregierung überzeugt, das Außenwirtschaftsgesetz strenger zu fassen. Das Kriegswaffenkontrollgesetz kann ohnehin in seiner alten Fassung nicht auf Imhausen angewandt werden, weil es nur Taten ahndet, die auf dem Gebiet der Bundesrepublik begangen werden. Die neuen Gesetze erhöhen die Höchststrafen auf bis zu zehn Jahren Haft für Verstöße gegen das Außenwirtschaftsrecht und auf fünfzehn Jahre Haft – in besonders schweren Fällen lebenslänglich – für Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz.

Die Imhausen-Affäre hatte um den Jahreswechsel 1988/89 viel Staub aufgewirbelt. Gerade wurde die Beteiligung von zwölf bundesdeutschen Unternehmen am Bau einer Fabrik für chemische Waffen im Irak diskutiert, da bekam Bundeskanzler Helmut Kohl vom amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan einen neuen Vorwurf serviert: Reagan sprach Kohl beim Staatsbesuch in Washington darauf an, daß deutsche Unternehmen auch für den Obersten Muammar al-Ghaddafi in Libyen eine Giftgasfabrik bauten. Der Kanzler reagierte beleidigt. Wochenlang währten die diplomatischen Verstimmungen zwischen Bonn und Washington. Helmut Kohl bezeichnete es in einem Interview als "unerträglich", wenn die Deutschen weltweit auf die Anklagebank gesetzt würden, ohne daß die Amerikaner ihre Beweismittel vorlegten.

Doch während die Bundesregierung noch darauf beharrte, daß gegen die inzwischen ins Gerede gekommene Firma Imhausen aus Lahr nichts vorläge, eröffnete die Staatsanwaltschaft Offenburg das Ermittlungsverfahren. Anhaltspunkte für die Ermittlungen bezog die Staatsanwaltschaft aus Berichten der Hamburger Illustrierten stern. Danach ist im libyschen Rabta ein ganzer Industriekomplex gebaut worden, in dem auch Granaten und Raketen hergestellt werden können. Die Vorgaben und Auftragslisten für die Chemiefabrik lieferte Imhausen, und zwar unter dem Deckmäntelchen, eine harmlose Pharmafabrik nach Hongkong zu verkaufen.

Für dieses Projekt mit der Bezeichnung "Pharma 150" bestellte Imhausen bei anderen bundesdeutschen Unternehmen das Baumaterial: von Raab-Karcher in Bingen zum Beispiel Fliesen für die Labors, von der Siemens AG Schaltschränke für die vollautomatische Steuerung der Chemiefabrik. Die Waren, angeblich mit Bestimmungsort Hongkong, wurden dann während des Transports auf offener See einfach umdeklariert. Die Pläne für die gesamte Anlage stammten von der Salzgitter-Industrie-Bau GmbH (SEG), einer Tochter der Salzgitter AG, die zum Zeitpunkt der Auftragsabwicklung noch in staatlichem Besitz war.

Als der Verdacht auf Imhausen schon amtlich war, erinnerten sich nun plötzlich Mitarbeiter der SEG, daß schon 1985 in einem Schreiben von Imhausen ein Hinweis auf den Standort Rabta in Libyen enthalten war. Dem habe man damals keine Bedeutung beigemessen. Von der SEG nach Hongkong entsandte Experten hätten später vor Ort festgestellt, daß die Pläne dort "offensichtlich keine Verwendung gefunden hätten". Einfacher gesagt: Sie haben die Fabrik nicht gefunden. Gegen einige Salzgitter-Mitarbeiter wird nun ebenfalls ermittelt.