Von Horst Förster

HAMBURG. – "... und freuen wir uns über diese Entwicklung" – so lauten in diesen Tagen westdeutsche Grußformeln bei der Kontaktaufnahme mit selbstgewählten oder auch zugewiesenen Ansprechpartnern gleicher Ebenen in der DDR. Auf allen gesellschaftlichen Stufen beginnt das Gespräch zu pulsieren. Die Formel von den "Vertretern unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen" ist entfallen. Alle befinden sich offenbar auf dem Weg zu der Gesellschafts- und Werteordnung, die die Menschen im Osten nach über vierzig Jahren Entbehrung mit ihrem Ruf nach Freiheit jetzt auch für sich reklamieren.

Dennoch verspüre ich als Soldat deutliche Zweifel, die sich so leicht nicht unterdrücken oder gar beseitigen lassen, wenn ich an Kontakte mit der NVA denke. Auf wen werde ich denn überhaupt treffen? Nahezu widerwillig gehe ich daran, mir den Mann in der anderen Uniform vorzustellen. Ich denke an den Bau der Mauer, an die Wehrerziehung in DDR-Schulen, die NVA-Erziehung zum Haß auf den Klassenfeind, den mannigfachen Tod am Grenzzaun. Ich denke an Menschen in und außerhalb der Bundeswehr, deren Familien durch DDR-Verantwortliche oft großes Leid zugefügt wurde. Die in der eigenen Familie über vierzig Jahre nicht erlebbare Verwandtschaft schmerzt vor allem deshalb, weil der Tod der Grenzöffnung und damit dem Kennenlernen zuvorkam.

Und jetzt soll ich unvoreingenommen mit einem Vertreter der Armee reden, die diese Macht gesichert hat? Ganz einfach so – von Soldat zu Soldat? Also über seinen und meinen Beruf, über unser Tun, so als sprächen wir über ein gemeinsames Handwerk? Wäre ich dann nicht nur ein Söldner gewesen, der morgen ebenso einem anderen Herrn dienen könnte?

Ich ringe – wie nicht wenige meiner Kameraden – um die richtige Antwort. Wir diskutieren mit sachlicher Härte, innerer Bewegung und manchmal auch mit der aus eigenem Erleben geborenen Emotion. Das Spektrum der Meinungen reicht von eindeutiger Ablehnung über minimale Gesprächsbereitschaft, den Willen zur Hilfe bei der Umgestaltung der NVA durch ihre eigene militärische Führung bis hin zur offenen Partnerschaft.

Wer die staatliche Einheit will, kann nicht nur das Trennende herausarbeiten. Es entspricht unserem durch das Christentum geprägten humanistischen Weltbild, unvoreingenommen auf den anderen zuzugehen. Haben nicht christlicher Glaube und Gebet drüben erst den Mut zur offenen Meinungsäußerung gefördert? Ich suche nach Verbindendem, um das Gespräch unvoreingenommen führen zu können. Noch vor dem ähnlichen Beruf fällt mir die Sprache ein. In ihr, mit ihr können wir über das Trennende sprechen, darüber, wie wir uns gegenseitig während dieser Jahre betrachtet haben. Die Sprache war und ist auf alle Zeit die Klammer unseres Volkes. Die Sprache bietet die Möglichkeit, von Unwahrem Abstand zu schaffen, es zu benennen und dadurch zu überwinden.

Soldaten hüben und drüben haben unterschiedliche Bündniserfahrungen. Hier kann bisher getrenntes Wissen künftig zu gemeinsamem werden. Deutsche Soldaten könnten die Brücke zu den bislang jeweils anderen Bündnispartnern sein. Sicherheitspartnerschaft beginnt mit kleinen Schritten, die Vertrauen begründen und Konfrontation ersetzen.