Von Gerhard Spörl

Saarbrücken, im Juni

Oskar Lafontaine bleibt bei der Stange, jedenfalls vorläufig und wohl auch, solange er glaubt, eine reelle Chance gegen Helmut Kohl zu haben. Mit diesem Eindruck ist Hans-Jochen Vogel aus Saarbrücken abgefahren. Das derzeit erreichbare Maß an Gewißheit vermittelte der Kandidat telephonisch am Tag nach dem Konzil in seiner Villa am Hügel.

Die rastlosen Krisengespräche in wechselnden Runden bleiben interpretationsbedürftig. Am Ende steht fast immer, daß die Erleichterung über den erneut abgewendeten Ernstfall die Zuversicht deutlich überwiegt, von nun an gehe es bergauf. Er könne seiner Partei seine Nominierung zum Kanzlerkandidaten nicht empfehlen, zitiert der Spiegel Lafontaine von Ende Januar. Im Spaß gesagt, im Ernst gemeint? Mittlerweile empfiehlt es sich für die SPD, an ihm so lange irgend möglich festzuhalten. So schätzt sie die Lage ein.

Als Weberschiffchen machen sich derzeit gleich mehrere Genossen verdient. Dazu gehört aus Lafontaines Sicht zweifellos Reinhard Klimmt. Im Saarland ist er bekannt wie ein bunter Hund. Völlig zutreffend gilt er als das Alter ego Lafontaines. Wer da von beiden gerade denkt und lenkt, ist manchmal schwer auszumachen. Sie ticken einfach seit 25 Jahren synchron. Ob als SPD-Landesvorsitzender, als Ministerpräsident oder als Kanzlerkandidat: Wo Lafontaine vorturnt, sichert Klimmt ab und leistet Hilfestellung.

Solange sich Lafontaine nur gelegentlich gezielt in Peter-Maffay-Konzerte oder ins Fußballstadion begibt, benötigt er einen Boten für seine Botschaften. Sie zu überbringen ist eine ziemlich heikle Aufgabe. Die jeweilige Teilentwarnung gleicht fast schon einem Etappensieg. Im Moment scheint Klimmt Lafontaine in der Sache bedingungslos recht zu geben und in der Methode zu dämpfen.

Klimmt ist ein Befürworter der Radikalität, die Lafontaine zu seinem Markenzeichen erhoben hat. Dennoch wirkt er derzeit so, als verfolge auch er mit angehaltenem Atem, wie sich die Ereignisse überschlagen. Man spielt ja auf anderem Terrain. Der Erfolg der beiden daheim an der Saar beruhte auf der Schroffheit und Entschlossenheit als Mittel der Politik, erst in der eigenen Partei und dann gegen die Union im Lande. Kein Wunder, daß Lafontaine auf den größeren Maßstab überträgt, was er zu einer gewissen Perfektion entwickelt hat. Die Frage bleibt nur, und sie ist wohl weder dem Prätendenten noch seinem Vertrauten fremd, ob die Übertragung ohne Bruch möglich ist.