Von Ulrich Horstmann

Seit es mit Hammer und Sichel Sense ist, liegt auch der geistige Fern- und Zukunftstourismus danieder. Vorbei die Zeiten, als die Ernst Bloch Tours seligen Angedenkens das Reich der Freiheit mit ihrer Kundschaft überschwemmten und das Prinzip Hoffnung die Vollpension ersetzte. Der Markt ist gründlich ruiniert, und allenfalls Apokalyptiker buchten in den Achtzigern noch Last-minute-Trips ins heraufziehende Unheil.

Das soll wieder anders werden. Suhrkamp Safaris und die Tao-Trekking Sloterdijk GmbH & Co KG haben in einem Joint-venture einen zweibändigen Katalog mit dem Titel "Vor der Jahrtausendwende" mit "Berichten zur Lage der Zukunft" herausgebracht, der die spekulative Ausflugslust schüren und dem postmodernen Immobilismus auf die Zeitsprünge helfen soll. Insgesamt 32 Vertragspartner, deren Namen in der Branche einen guten Klang besitzen, stellen ihre neuen Anlagen in Mañana vor, wobei Sloterdijk in seinem Nachwort energisch die "antikatastrophische Option" des gesamten Unternehmens herausstreicht.

"Operative Illusionen mittlerer Reichweite mit anspornender, selbstinduzierender Wirkung" warten auf Kundschaft, "ionisierende Selbstverführung des Möglichkeitssinns" verheißt der Herausgeber noch auf den letzten Metern. Schön war’s. Nach der Rundreise durch mehr als 700 Seiten Flachland prickelt beim Leser nichts mehr, der Animateur mag aufreißen und austun, soviel er will.

Woran das liegt? Daran, daß die verwüsteten Landschaften und Ruinenfelder einer endzeitlichen Phantasie, die Sloterdijk am liebsten als eine Art Hilfsmotor ans ewige Weiter-so anflanschen mochte, immer noch tausendmal interessanter und attraktiver sind als die Einöden des guten Willens, die Sahelzonen arider Vordenkerei, die sich zwischen den Buchdeckeln dieser Aufsatzsammlung auftun.

Treibsand der Formeln, Floskeln, Fachtermini, wohin man blickt. Verbale Fetische wie "Refugium Erde" (Georg Kohler) neben der "Kulturalisierung der Industriegesellschaft" durch IBFN-Anschluß: "Der IBFN-Anschluß wird das Symbol für die radikal dezentralisierte Kommunikation mit großen Potentialen der Feiheit und der Differenzierung" (Peter Glotz). Stanislaw Lems Lamento und Unverstandenheitsgejammer Seite an Seite mit der leerlaufenden "Jargonvirtuosität" (Bernd Guggenberger) eines Niklas Luhmann: "Sollte es gelingen, die Zeittheorie voranzubringen, könnten sich hochgradig suggestive Forschungsmoglichkeiten hinsichtlich der Korrelation zwischen Systemstrukturen und temporalen Strukturen eröffnen." Plädoyers für Raumfahrt und Satellitenperspektive (Matthias Horx, Eberhard Sens), pluralistisch angedockt ans Mutterrecht (Gerburg Treusch-Dieter), die "post-patriarchale Gesellschaft" (Cornelia Klinger) und das "Delirium Präsens" (Martin Roda Becher).

Letzteres übrigens eine Wortneuschöpfung, die sich bei der Lektüre von Paul Virilios Beitrag über die "Automatisierung der Wahrnehmung" so schnell mit Anschaulichkeit füllt wie ein Wadi mit den Schlammfluten eines Wolkenbruchs. "Selbst wenn Einstein nicht die Erfindung der Atombombe verschuldet hat, ist er doch einer der Hauptverantwortlichen für die Verallgemeinerung der Relativität", zieht uns Virilio ins Vertrauen, und man fragt sich einmal mehr, warum Lem seinen "Verblödungsgradienten" so kleinkramerisch für Politiker und die moderne Kunst reserviert hat.