Von Sabine Etzold

Köln

Der Direktor der Kölner Philharmonie, Franz Xaver Ohnesorg, hat zu einem im internationalen Konzertbetrieb wohl einzigartigen Mittel gegriffen, um mit einer ungeliebten Konzertkritikerin des Kölner Stadt-Anzeigers fertigzuwerden. Sie hatte Ende Mai nicht einmal einen Verriß geschrieben, sondern sich vom Cherubini-Quartett nur "mehr rhythmische Präzision" gewünscht und sich am Ensembleklang gestört, "der nicht ganz so makellos war wie aus früheren Rheinlandbesuchen in Erinnerung". An das Publikum der Kölner Philharmonie ließ Ohnesorg daraufhin einen Fragebogen verteilen, "auf dem Sie angeben können, wie Sie die Kritik von Marianne Kierspel einschätzen". Die Konzertbesucher sollten ankreuzen: "Die Stadt-Anzeiger-Besprechung des ersten Quartetto Extra-Abends mit dem Cherubini-Quartett zeugt von Sachverstand, ist angemessen formuliert, ist für mich nachvollziehbar (ja, teils / teils, nein). Ich finde diese Konzertkritik insgesamt (sehr gut, gut, mäßig, schlimm)." Dann war auf dem Fragebogen nur noch Platz für "weitere Anmerkungen zur Rezension" und die "philharmonischen Grüße" des Hausherrn.

Der Aufruhr, der diesem demoskopischen Vorstoß folgte, erschüttert die Kölner Musikwelt immer noch. Die Rezensenten rasen. Sie argwöhnen einen Frontalangriff auf die Pressefreiheit, und einige sind überzeugt, hier einen weiteren Beweis für den Cäsarenwahn des umstrittenen Kölner Philharmonie-Chefs erhalten zu haben.

Musikrezensent Ulrich Schreiber ließ Ohnesorg ausrichten, er werde die Philharmonie als Kritiker nicht mehr betreten; solange Ohnesorg ihr vorstehe. "Das ist meine simple Konsequenz aus dem Verhalten dieses offenbar in seiner moralischen Qualität für die Leitung eines solchen Unternehmens unqualifizierten Mannes." Das Fragebogenopfer selbst schwankt noch zwischen Empörung und Verblüffung. Die Publikumsbefragung traf Marianne Kierspel aus heiterem Himmel: "Die Besprechung ist in meinen Augen eine ganz normale Kritik, wie ich sie seit 1979 für den Kölner Stadt-Anzeiger schreibe. Warum gerade dieser Text – und warum gerade ich?"

Einige der Befragten haben sich deutlich von der Umfrage distanziert. "Die Aktion mißfällt mir sehr", schrieb jemand, ein anderer: "Noch anfechtbarer als die Rezension finde ich den hier vorgenommenen Versuch, ihr zu entgehen." Das Ergebnis aus 189 ausgefüllten Fragebögen spricht aber dem Direktor aus der Seele: 89,4 Prozent fanden die Kritik "schlimm". Ohnesorg hat dem Stadt-Anzeiger empfohlen, nun "eine Standortbeziehung in Sachen Musikkritik" vorzunehmen, da sonst eine "Irritation in der Leser-Blatt-Bindung" entstehen könnte.

Es ist nicht die erste Auseinandersetzung Ohnesorgs mit der Zeitung. Unter der Uberschrift "Mozart moderiert und andere Torheiten" war im Sommer 1987 eine saftige Satire über das Philharmonie-Konzept zu lesen. Der launige Artikel kritisierte die "schwierigen und spröden Programme, dargeboten noch dazu von drittklassigen Orchestern", beklagte das Fehlen der Kölner Chöre und mokierte sich über "anbiedernd einfältige Titel" der Konzertreihen wie "Orgel plus", "Piano extra" oder "Mostly Beethoven". Und Franz Xaver Ohnesorg sah den Spottnamen aus seiner Münchner Zeit in Köln gedruckt: "FXO" (sprich: "Effix-null") heißt er seither auch hier.