Die Leopoldina hat Napoleon überlebt – und Honecker auch

Von Nina Grunenberg

Heinz Bethge (oben) war sechzehn Jahre Präsident der Leopoldina. Rechts das Portal.

In Halle war Feiertag, und auch der Hausmeister in der August-Bebel-Straße 50 a, dem Sitz der Leopoldina, hatte frei. Den Kaffee, den Heinz Bethge im Henkelkorb in das Akademiegebäude mitbrachte, hatte seine Frau gekocht. Noch empfehlenswerter fand Bethge das Mineralwasser, das sie dazugepackt hatte. Es kam aus dem Kaukasus und schmeckte besser als der muffig riechende Sprudel, den es in Halle zu kaufen gab. Die Einkaufsquelle hatte Bethge in einer sowjetischen Kaserne in der Umgebung entdeckt. Die Soldaten verschafften sich mit dem Verkauf des Quellwassers ein Taschengeld. Arme Jungs, fand Bethge mitleidig; als der Wodka bei ihnen noch nicht verboten war, verdienten sie besser.

Heinz Bethge ist siebzig Jahre alt und der XXIII. Präsident der Leopoldina, der ältesten Akademie der Naturwissenschaftler auf der Welt. Zum Ende dieses Monats wird er sein Amt an den Nachfolger weitergeben. Die Rede, mit der er sich von den Akademie-Mitgliedern im Goethe-Theater von Bad Lauchstädt als Präsident verabschieden wird, geht ihm seit Wochen durch den Kopf.

Er könnte zufrieden sein, wenn er zurückblickt. In den vierzehn Jahren, die ihm die 338 Jahre alte Leopoldina anvertraut war – sie ist noch zehn Jahre älter als die Royal Society in London –, hat sie nicht nur überlebt, sie hat auch widerstanden. Wie seine Vorgänger, die "die Leo" unter Adolf Hitler und unter Walter Ulbricht auf Kurs hielten, kann Bethge von der Zeit unter Erich Honecker sagen: "Bei uns hat kein Parteibuch gegolten." Einziger Ehrgeiz bei der Auswahl der Mitglieder war stets, diejenigen Forscher an die Akademie zu binden, die "dem Wissensstand ihrer Zeit das charakteristische Gepräge gaben". Heute zählt die Leopoldina 1000 Mitglieder in 27 Ländern.

Ihr Mitgliederverzeichnis liest sich wie ein Gotha der Naturforscher und schließt Alexander von Humboldt ein, Johann Wolfgang von Goethe – dessen Arbeit über den Zwischenkiefer 1831 in der Akademiezeitschrift veröffentlicht wurde –, Adelbert von Chamisso als Direktor der Königlichen Herbarien in Berlin, den Mediziner Rudolf Virchow und den Chemiker Wilhelm Bunsen. In den zwanziger Jahren wurden die Physiker Max Planck, Albert Einstein, Otto Hahn und Niels Bohr gewählt, später Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und der Biochemiker und Nobelpreisträger Adolf Butenandt. Er war jahrelang der westdeutsche Vizepräsident der Leopoldina und garantierte den Hallensern mit seiner Person das Fortleben der Akademie für den Fall, daß sich ihre Unabhängigkeit gegen die Machtansprüche des Regimes nicht länger hätte verteidigen lassen und ein Umzug in den Westen unvermeidlich geworden wäre.