Das Privileg, das Leopold I. der "Reichsakademie" mit der Garantie ihrer Unabhängigkeit "von den herrschenden Dynastien in den einzelnen Ländern" verlieh, wußten die Leopoldina-Präsidenten bis auf den heutigen Tag beharrlich zu nutzen. Die Leopoldina war niemals staatlich, sie blieb immer eine private Vereinigung von Gelehrten, die in bescheidenem Umfang vom Staat unterstützt wurde, aber in der Hauptsache von Stiftungen und privaten Zuwendungen lebte. Manche Krisen in ihrer Geschichte überstand sie nur, weil sie zu unbedeutend geworden war, um noch ernst genommen zu werden. Als Napoleon alle Einrichtugen auflöste, die in der Tradition des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation standen – "und damit waren wir ja belastet", sagt Bethge – verdankte sie ihr Überleben nur der Tatsache, daß er sie glatt übersah.

Schwierige siebziger Jahre

Nach einer Teilung wurde der geistige Standort der Leopoldina von dem Biologen Kurt Mothes als Präsident neu bestimmt. Kraft seiner Persönlichkeit belebte sich die Akademie wieder und entfaltete eine Autorität, gegen die auch Partei-Kommissare nicht viel ausrichten konnten.

Die schwierige Periode begann erst Anfang der siebziger Jahre, als Bethge das Präsidentenamt übernahm (1974). Er selber war von Hause aus Experimentalphysiker und hatte sich als Oberassistent am I. Physikalischen Institut der Universität Halle schon kurz nach dem Kriege einen Namen gemacht, als er das erste Elektronenmikroskop der DDR baute. 1960 erhielt er von der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin den Auftrag, in Halle ein Akademie-Institut für Festkörperphysik und Elektronenmikroskopie zu gründen. Im gleichen Jahr bekam er auch "zwei schöne Rufe auf Lehrstühle drüben". Sie freuten ihn, aber er lehnte sie ab. Er fühlte sich zum Bleiben verpflichtet, weil ihm die Institutsgründung anvertraut wurde, obwohl er kein Parteimitglied war. Seine beiden Förderer, die es geschafft hatten, ihn in Berlin durchzusetzen, nicht zu enttäuschen, und die fünfzehn jungen Mitarbeiter, die das Institut mit ihm aufbauen sollten, nicht zu entmutigen, waren für ihn auch Fragen der Moral. Nach den persönlichen Kosten seiner Entscheidung hat er nicht gefragt. Daß er bei den Dienstbesprechungen der Physik-Institute in der Akademie der einzige war, der mit "Sie" angeredet wurde, machte ihm nichts aus. Es amüsierte ihn nur.

Soviel er sich erinnern kann, hat ihn nur einmal das Gefühl übermannt, sofort gehen zu müssen. Das war noch in den fünfziger Jahren, als "ein hohes, aber obskures Tier" aus der Parteizentrale die Professoren in Halle, die als besonders reaktionär galten, zu terrorisieren versuchte und sie damit zur Verzweiflung brachte. "Den habe ich nur einmal erlebt, und das reichte. Ich bin aufgestanden und rausgegangen und habe mir gesagt: Du bist ein Idiot. Alles ist umsonst gewesen. Jetzt kannst du nur noch zwei Aktentaschen nehmen und davonrennen." Das Problem löste sich dann, weil der Rektor, ein Emigrant aus Wien, der als russischer Oberst nach Halle kam, über glänzende Beziehungen nach Moskau verfügte. Wenig später wurde der Politruk als "Agent des Westens" entlarvt. "Das mußte man schlucken und konnte dabei nur grinsen. Späße gibt’s." Mit diesem Wort beschließt Bethge seine Schreckensgeschichten aus dem täglichen DDR-Leben gerne.

Je selbstbewußter die DDR sich zu fühlen begann, desto selbstherrlicher drängten Partei und Staat am Ende auch in den Universitäten und akademischen Einrichtungen des Landes auf Linientreue. "Ein schlimmes Kapitel" für Bethge, denn: "Was macht man mit einem Mann, der als Parteisekretär der Universität Professor wurde?" Weil Bethge die wissenschaftlichen Gutachten geschrieben hat, weiß er, wer übergangen wurde und wie viele "rote Sonntagskinder", die privilegierten Sprößlinge der Parteigenossen, dafür Karriere machten. In den siebziger Jahren wurden alle wissenschaftlichen Brücken zum Westen abgebrochen, jeder direkte Kontakt zur Bundesrepublik unterbunden. Dennoch auf der Unabhängigkeit der Leopoldina zu bestehen und ihren gesamtdeutschen Anspruch immer wieder neu durchzusetzen war ein mühsames, aufreibendes und entmutigendes Ehrenamt, "ein ständiger Drahtseilakt zwischen Konfrontation und Kompromiß".

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