In jenen Jahren sahen es die westdeutschen und ausländischen Mitglieder der Leopoldina als ihre Pflicht an, zu den alle zwei Jahre stattfindenden Mitgliederversammlungen nach Halle zu pilgern, um dort Flagge zu zeigen. Das abgewetzte Interhotel am Bahnhof glich dann jedesmal einem Notaufnahmelager, in dem die Eminenzen aus der internationalen Welt der Naturwissenschaften auf ihren Koffern saßen und ergeben warteten, daß ihnen ein Bett zugewiesen wurde. Anschließend hielten sie im Gewerkschaftshaus, es hatte den größten Saal in der Stadt, ihre Vorträge. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs, der nicht ins Ausland fahren durfte, dienten die Jahrestagungen der "Leo" als Chance, sich über den neuesten Stand der Wissenschaft in ihren Disziplinen zu informieren. Wenn ihnen dabei auch noch eine Vorstellung von Qualität vermittelt wurde, waren Bethges Wünsche in Erfüllung gegangen.

Erst Mitte der achtziger Jahre entdeckte die Partei, daß das internationale Prestige der Leopoldina auch ihr nützlich sein konnte. Schließlich schickte sie sogar Minister zur Begrüßung. Wenn sie gleichzeitig auch noch zur Bewirtung der Gäste beitrugen und einen Empfang im Interhotel bezahlten oder ein Essen für die Ehrengäste – für die bescheidenen Verhältnisse der Leopoldina kostete das viel Geld waren sie Bethge willkommen. Er war es gewöhnt, daß er sich hinterher für ihre antiwestlichen Propagandareden bei den Mitgliedern entschuldigen mußte – genauso wie für die Schikanen an der Grenze, denen Gäste der Leopoldina immer wieder ausgesetzt waren.

Über den Umgang mit dem Staat und der Partei hat er dabei viel gelernt. Nichts war für die Funktionäre schlimmer als eine Beschwerde. Das stellte er fest, nachdem er sich wegen einer dummen Rede, die bei der Mitgliederversammlung 1986 im Namen des Wissenschaftsministers Böhme von dessen Stellvertreter Günther Heidorn zum Nachrüstungsstreit verlesen worden war, seinen Unmut von der Seele diktiert und dem Minister die Leviten gelesen hatte: "Nicht gut ist es, wenn dieses Bemühen (die Ansprüche der Leopoldina auf internationalem Niveau zu halten, d. Red.) getrübt wird durch eine zu flüchtig zusammengestellte Rede. Mit politischen Schlagworten, wie sie in unserer Propaganda gerade aktuell sind, darf man doch unserem Mitgliederkreis einfach nicht kommen ... Für einen Minister, der für unsere akademische Jugend verantwortlich ist, gibt es doch sicherlich konkrete Dinge, die in einer Rede auszubreiten sogar Interesse finden sollte."

Bethge wurde nach Berlin zitiert. "Ich bin Historiker", stellte ihn der stellvertretende Minister Heidorn dort gekränkt zur Rede, "was sollen die Leute denken, wenn sie so einen Brief in den Akten finden?" Bethge gab zur Antwort: "Genau das, was drin steht." Hinterher, als er wieder in seinem Dienstwagen saß – einem Mercedes, den er traditionell vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft in München übernimmt, wenn der Wagen von der Steuer abgeschrieben ist – und nach Hause fuhr, sinnierte er: "Haben die Kerle denn etwas demonstriert, was sie nicht glaubten?"

Bethge gibt sich gerne seinen Reflexionen hin. Im Gespräch mit Hans-Otto Bräutigam, dem ehemaligen Ständigen Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin, wunderte er sich einmal, wie der Freiheitsraum der Leopoldina noch in das System passen könne. Er tat so vieles, was nicht erlaubt war und um das er nicht fragte: Er verlieh Ehrungen, er nahm ausländische Orden an und hielt im Ausland Vorträge, ohne sie anzumelden. Die Leopoldina existierte sogar ohne Statut, weil sie sich mit Ost-Berlin nicht hatte einigen können. Bräutigam, der Diplomat und Jurist, antwortete ihm damals mit dem Satz: "Der Staat lebt von seinen Anomalien." Bethge fand die Erklärung großartig und läßt sie bis heute auf der Zunge zergehen.

"Ein bißchen Krach machen, ein bißchen Courage zeigen, einen jungen Menschen durchsetzen – dafür habe ich gelebt", sagt Bethge. Dabei rechnet er sich nicht viel auf das eigene Konto: Die Tapferkeit seines Vorgängers in der Nazizeit und die kluge Geradlinigkeit von Kurt Mothes haben Maßstäbe gesetzt, an die er sich halten konnte. "In ihren Spuren mußte ich weitergehen." Dem Siebzigjährigen fallen eisgraue Locken wie den Jünglingen in der Zeit des deutschen Idealismus über den Kragen. In seiner Jugend muß er ein Feuerkopf geweseh sein. Aufregen kann er sich bis heute. Wenn er in vierzehn Tagen seine Abschiedsrede in Bad Lauchstädt hält, soll es die Festversammlung noch einmal merken.

Von der englischen Wissenschaftszeitschrift Nature wurde Bethge im Februar mit dem Wort zitiert, der Niedergang der Wissenschaft in der DDR sei mit dem der Wirtschaft vergleichbar. Weiter in Nature: "‚Achtzig Prozent der Universitäts-Professoren waren in der Partei’, sagte Bethge, "sechzig Prozent davon sollte man hinauswerfen’, aber er gab zu, daß diese Art der ‚Entnazifizierung’ wohl nicht möglich sei. Alles, was getan werden könne, laufe darauf hinaus, diese Leute nach und nach durch bessere zu ersetzen, die man in den Reihen der Übergangenen und Frustrierten fände." Als Echo aus der DDR kam ein gravitätischer Aufschrei der Ordinarien über den "Nestbeschmutzer" Bethge. Das hatten sie, fanden sie, nicht verdient.