Zwei Stunden später kommt also der Chef und erzählt mir genau das gleiche: Der Junge kann nicht fahren, weil er zu viele Tanten im Westen hat. Allerdings hat er noch einen Vorschlag parat: .Professor’, sagt er, ‚das ist doch alles kein Problem, der junge Mann muß zwar hierbleiben, aber den Vortrag können Sie ja halten.‘ Da habe ich dem gesagt: ‚Passen Sie mal auf, Sie unterschätzen mich. Wenn der nicht fahren kann, fahre ich auch nicht. Morgen früh schicken wir das Telegramm. Und noch etwas: Ich gehöre der internationalen Organisation an, die den Kongreß veranstaltet. Ich trete sofort aus dieser Organisation aus, denn das geht nicht, daß derjenige, der alles mitverantwortet, zur Konferenz absagt. Dann ist die DDR allerdings in dieser übernationalen Vereinigung nicht mehr vertreten.‘

Der sagt: Ja, Professor, das dürfen Sie doch nicht tun.‘ Ich sage: ‚Das bestimme ich, was ich tue, Sie können das bei sich besprechen. Bis morgen früh haben Sie Zeit.‘ Der geht nun bedrückt weg, es war keiner von der üblen Sorte. Nach einer Stunde kommt ein Telephonanruf: Ein neuer Mann wird angekündigt, diesmal schon ein recht hoher Stasi-Mann. Er macht einen intelligenten Eindruck, und ich sage zu ihm: Jetzt reden wir beide mal Fraktur. Daß der junge Mann nicht fahren darf, hat nichts mit seinen vielen Tanten im Westen zu tun, sondern damit, daß er mich nicht ausspionieren wollte’, und dann erzähle ich ihm die Vorgeschichte. Der sagt: ‚Was Sie mir erzählen, kann ich nicht nachprüfen.‘ Ich fordere ihn auf, sich zu erkundigen. Inzwischen ist es sechs Uhr abends, und ich bin nach Hause zum Abendbrot gegangen. Danach war ich wieder im Institut, zu jedem Gespräch bereit. Abends um zehn Uhr ging die Ampel dann auf grün. Über Nacht schickten die ein Telex an die Sicherheitsleute in der Akademie in Berlin, und die waren nun ganz perplex, daß das schwarze Schaf aus Halle reisen durfte. Ich kam natürlich sofort in Verdacht, irgendein Ding gedreht zu haben. Aber ich habe nichts gedreht: Ich habe nur mal klipp und klar ein bißchen gekämpft."

Weil er nicht sicher war, ob er alles klargemacht hatte im Gepräch, schickte Heinz Bethge noch einen Brief nach Hamburg hinterher: "Ein Institutsleiter und ein Präsident konnte mehr, er konnte und mußte kraft seiner Stellung um einen Reisekader kämpfen; er konnte dumme Dinge auch mal mild im Sande verlaufen lassen."

Späße gibt’s.