Markus Meckel gehört zu den eindrucksvollsten Gestalten der DDR-Regierung: jung, zupackend und selbstbewußt. Plötzlich ist er auf die Weltbühne katapultiert worden und soll nun bei dem entscheidenden Drama mitwirken – den Verhandlungen über die internationalen Aspekte der deutschen Einigung.

Die Umstände haben ihm dabei nur eine bescheidene Rolle zugewiesen. In Washington, Kopenhagen und Brest wird längst der Formelkompromiß ausgeheckt, nach dem das vereinte Deutschland für die Sowjetunion erträglich in die europäische Sicherheitsstruktur eingebettet werden soll. Aber Statist mag Meckel nicht sein, und so versucht er, seine Rolle ein bißchen umzuschreiben.

Auf dem Ruckweg vom Moskauer Gipfel des Warschauer Paktes ("Wir haben die Beerdigung gerade noch abwenden können", sagte ein Meckel-Begleiter) machte der Minister auf der Stockholmer Tagung des Instituts für Ost-West-Sicherheitsstudien (New York) Zwischenstation und demonstrierte einem verwunderten internationalen Publikum Eigenständigkeit in Sachen Nato-Zugehörigkeit. Die Revolution in der DDR sei schließlich nicht gemacht worden, um das Land in die westliche Militärorganisation einzubringen – als ob es überhaupt um diese Frage gegangen wäre. Die im Westen emsig erarbeiteten Veränderungen in Struktur und Doktrin der Nato, warnte Meckel, seien womöglich nicht hinreichend ernst gemeint – als ob nicht ohnehin die Praxis erst die vielen Formeln, die jetzt ersonnen werden, mit Inhalt füllen mußte. "Wir sind nicht bereit, einer militärischen Lösung zuzustimmen, bei der unsere Freunde in Polen und der Tschechoslowakei an ihren westlichen Grenzen der Vorneverteidigung der Nato gegenüberstünden" – als ob dies noch irgend jemand im Westen forderte.

Es ehrt Meckel, daß er immer wieder auf die besonderen Interessen der östlichen Nachbarn Deutschlands hinweist. Dann aber sollte er sich nicht in dem sicherheitspolitischen Irrgarten verheddern, dem seine Kollegen in Moskau, Washington und Bonn bereits enteilen. Er sollte vielmehr fragen, was diese Nachbarschaft an Verantwortung für die neue, gemeinsame Bundesrepublik bedeutet. Statt dessen scheinen er und seine Berater sich eher damit zu beschäftigen, wie sie die DDR separieren und singularisieren könnten.

Laut dachte Meckel in Stockholm über eine neue Sicherheitszone in Mitteleuropa nach, die das Gebiet der Noch-DDR, Polen und die Tschechoslowakei "bis zum Übergang zu einer gesamteuropäischen Struktur" zusammenfügen sollte – ein Nichtangriffspakt, vielleicht sogar ein Bündnis könnte das werden mit gemischten Truppenverbänden, ein "Puffer, der der Sowjetunion Sicherheit gibt".

Meckels neuer Planungschef, der Politologe Ulrich Albrecht von der Westberliner FU, dem ein neutrales Deutschland wohl stets lieber war als ein im Westen verankertes, bestärkt diese Neigung durch allerlei Konzepte. In Stockholm übersetzte Albrecht die Äußerung seines Ministers, eine Doppelmitgliedschaft Deutschlands in Nato und Warschauer Pakt sei absurd, zur Überraschung der Anwesenden so ins Englische, wie er selbst es sich wünschen mag: Sie sei durchaus bedenkenswert.

Die DDR-Regierung handle, so Meckel, nicht aus einer Position der Schwäche: "Wir sind fest entschlossen, eine aktive Außenpolitik zu führen." Auf den Übersetzungsfehler seines Planungschefs reagierte der Minister rasch; Albrecht wurde durch einen richtigen Dolmetscher ersetzt. Mangelnde Professionalität darf sich die DDR in der Außenpolitik aber auch sonst nicht leisten. Denn sonst läuft sie Gefahr, daß auch ernstzunehmende Beiträge aus Ost-Berlin im diplomatischen Papierkorb landen.

Christoph Bertram