Von Henning Köhler

Otto Lenz ist heute weitgehend vergessen, nachdem er 1957 unter mysteriösen Umständen im Armenhospital in Neapel verstorben war. Ende der sechziger Jahre tauchte sein Name noch einmal bei der parlamentarischen Untersuchung der Schützenpanzer-Affäre HS-30 auf, als ungestraft behauptet werden konnte, er habe für das Arrangieren dieses Geschäfts, durch das die Bundeswehr ein völlig unausgereiftes Gerät erhielt, als Provision eine stolze Summe erhalten. 35 Millionen seien in die Parteikasse der CDU geflossen, und für ihn selbst seien 3,75 Millionen übriggeblieben.

Von der Existenz seines Nachlasses sowie seines Tagebuches wußte man schon lange. Sie sind im CDU-Archiv in St. Augustin deponiert, für den normalen Besucher jedoch gesperrt. Es hat lange gedauert, bis der umfangreiche Text für die Jahre 1951-1953 ediert worden ist. Insgesamt drei Bearbeiter haben schließlich eine solide kommentierte Ausgabe zustande gebracht.

Wer war Otto Lenz? Er stammt aus Wetzlar, Jahrgang 1903, studierte Jura und wußte seine berufliche Karriere frühzeitig durch Eintritt in die Zentrumspartei wirksam zu fördern. Zeitweilig als persönlicher Referent des preußischen Justizministers für Bewegung sorgend, konnte er als Richter auf eine Blitzkarriere zurückblicken. Noch 1934 wurde er – mit 31 Jahren – zum Landgerichtsdirektor befördert – beiläufig ein Zeichen auch dafür, wie gering der NS-Einfluß in der Justiz zu diesem Zeitpunkt noch gewesen sein muß, wenn ein parteipolitisch so exponierter Richter so klar außerhalb der Regel befördert werden konnte.

1938 aus der Justiz ausgeschieden und als Rechtsanwalt tätig, schloß er sich in Berlin mit hohem eigenen Risiko dem Widerstand an und hielt Kontakt zu katholischen Kreisen. Da entstanden Beziehungen zu Josef Müller, dem "Ochsensepp", ebenso wie zu Heinrich Krone, Jakob Kaiser und Hans Globke. 1945 gehörte Lenz zu den Gründern der CDUD in Berlin und war schon 1945 mehrfach unterwegs, um den Kontakt mit den Parteifreunden in den Westzonen herzustellen. Von Berlin aus politisch wirken zu wollen machte ihn jedoch in den Augen Adenauers schon früh verdächtig. Später bezeichnete Adenauer ihn als "Halbberliner", was kein Kompliment darstellte.

Daß Lenz schließlich Anfang 1951 den Posten als Staatssekretär im Bundeskanzleramt bekam, hatte mehrere Gründe. Mit anderen Kandidaten hatte es nicht geklappt, daneben wird man stille Unterstützung von Globke in Rechnung zu stellen haben, der sich von Lenz nicht bedroht fühlte und auch in der Folgezeit ihm gegenüber stets loyal war. Schließlich – und das mag den Ausschlag gegeben haben – war dem neuen Mann eine wichtige Aufgabe zugedacht: die Vorbereitung des Bundestagswahlkampfes von 1953.

Dieser Staatssekretär sollte sich als der vielseitigste und interessanteste Vertreter der Spezies am Rhein erweisen. Er hob sich von seinen Kollegen deutlich ab. Den Beruf des Rechtsanwaltes gab er nicht auf; er wurde der erste Flick-Anwalt in der Bonner Politik, der dessen Ansprüche auf Rückgabe seines an die "Reichswerke Hermann Göring" übereigneten Besitzes betrieb. Zu Industriellen überhaupt, besonders zu denen von der Ruhr, hatte er enge Beziehungen. Mal ist sogar von einer "kleinen Ruhrlade" die Rede, natürlich ein Gremium von Geldgebern für die Regierungsparteien. Aber auch zu anderen Kreisen unterhielt er dauerhafte Kontakte, zu "seinem" Journalistenteam, Vertretern der hohen Kommission und vor allem zu den Kreisen in Bonn, die den Kern der Regierung bildeten. Aus dem Tagebuch ergibt sich der Eindruck, als ob der Mann wie eine Maschine unter Dampf stand und von Termin zu Termin jagte, dabei aber trotz aller Hektik gottlob eines nicht vergaß: sein Tagebuch zu führen.