ZDF, Dienstag, 5. Juni: "... und langsam stirbt der Strom"; ARD, Donnerstag, 7. Juni: "Gesucht wird... Dioxin"

Wer war zuerst da: der Bauer oder die Müllverbrennungsanlage? Die Müllverbrennungsanlage wird zuletzt da sein, denn der Bauer muß aufgeben. Seine Frau ist schwer krank, immer mehr Kälber werden tot geboren. Dioxin weht aus den hohen Schornsteinen über Haus und Ställe und bringt Bronchitis, Immunschäden und Krebs. "Ich war mit Leib und Seele Bauer", sagt der alte Mann und weint. Was hilft’s, das Pentachlorphenol ist stärker als er.

Wer war zuerst da: die Elbe oder das Zellstoffwerk? Das Werk hat den Fluß überlebt; der hat aufgegeben: Statt Wasser führt er eine trübe Brühe. Man nimmt Proben von der braunen Flüssigkeit und analysiert sie. Wieder ist die Rede von Pentachlorphenol. Dieser Stoff schafft selbst den Strom.

Gäbe es das Fernsehen nicht, man müßte es erfinden um der öffentlichen Aufklärung in Sachen Umwelt willen. Denn was sind chemische Formeln, warnende Worte, Statistiken, Analysen und Appelle gegen den Kamerablick auf ein von Chlorakne entstelltes Gesicht, auf das "Einleitungsrohr" am Ufer und den gelben Schaum, der daraus hervorsprudelt?

Der Dioxin-Film von Gert Monheim verknüpfte nach bewährter Dramaturgie den Gruselschocker mit dem Wirtschaftskrimi: Da erkranken honette Familien in ihren mit Holzschutzmitteln behandelten Eigenheimen an Geschwüren und Atemnot, da weicht, nach dem Bau einer Müllverbrennungsanlage, die gute Luft über dem Kurort Kempten einem ätzenden Miasma, da zeigen Doktoren ihre Statistiken vor: zwanzigmal mehr Pneumonien, erhöhte Mißbildungsrate bei Neugeborenen. Wer ist schuld? Wie kann man die Lage wenden? Die Holzschutzmittelhersteller bestreiten den Zusammenhang von chronischer Vergiftung mit ihren Produkten, obwohl er ihnen seit dreißig Jahren bekannt ist. Die Betroffenen müssen nicht nur ihre Symptome, sondern auch die Kosten für eine Sanierung ihrer Häuser und Möbel tragen. Das Bundesgesundheitsamt sagt, es habe gewarnt – das hat es auch, aber nicht die Öffentlichkeit, sondern die Industrie. Der Skandal ist so himmelschreiend, daß wenn schon nicht die irdischen Autoritäten, so doch der Herrgott erwachen und einen Blitz niederschleudern müßte auf die Hersteller von PCPhaltigem Holzschutzmittel mit so rassigem Namen wie Xyladecor.

Doch der schützt nicht mal seine schuldlose Schöpfung, es sei denn, er selbst hat Greenpeace losgeschickt. Michael Blaschkes Elbe-Film zeigte die Umweltschützer auf ihrem Laborschiff nahe Dresden, wo sie den Flußvergiftern, einem Zellstoff- und einem Arzneimittelwerk, Nachhilfe bezüglich "Denken in Kreisläufen" erteilten: Das verseuchte Wasser pumpten sie kurzerhand zurück ins Werk. Der Chef: "Ein Piratenakt." Der Greenpeace-Sprecher: "Wie bezeichnen Sie Ihre Einleitung?"

Noch sind die Sachsen empfindlich und wähnen sich mit stärkerem Mißtrauen beobachtet als die Konkurrenz in der BRD. Aber Greenpeace ist nicht derart parteiisch, es denkt ans Meißener und ans Hamburger Trinkwasser. "Wir haben nur Argumente", sagt der Greenpeace-Mann. Die Leute in Sachsen, aber auch in Bayern oder Hamburg hören ihm zu. Und sehen im Fernsehen die von Chlorakne entstellten Gesichter und den gelben Schaum auf dem Fluß. Wo die Argumente hängenbleiben, da verfangen die Bilder.

Barbara Sichtermann