Von Christian Wernicke

Halle/Saale, im Juni

Müde legt Willy Brandt seinen Kopf in die linke Hand. Mit leerem Blick schaut er von seinem Platz am vorderen Rand der hohen Bühne hinab ins Parkett, hinein in das Halbdunkel des Sitzungssaales, wo über 400 Delegierte ihren Sonderparteitag mehr ertragen als erleben. Das Gesicht des Ehrenvorsitzenden spiegelt die tiefe Resignation der DDR-SPD wider. Fast schon Agonie durchzieht diese gerade acht Monate alte Partei: Gelähmt von Flügelkämpfen, erdrückt von verlorenen Träumen und von der Arbeitslast des politischen Alltags, suchen die Sozialdemokraten im Klubhaus der Gewerkschaften zu Halle a.d. Saale nach neuen Perspektiven. Aber auch Willy Brandt kann seinen ostdeutschen Enkeln nur noch einen Rat geben. In einer matten Rede empfiehlt er ihnen die Vereinigung mit der West-SPD. Die Erleichterung über diesen Ausweg entlädt sich in stürmischem Beifall.

Knapp fünf Stunden später ist es vollbracht. Bei nur zwei Gegenstimmen beauftragt die Basis den Vorstand, "unverzüglich" mit der Bonner SPD-Spitze über eine gesamtdeutsche Partei zu verhandeln. Wieder brandet Jubel auf, erheben sich gar etliche Delegierte in dieser ansonsten so lethargischen Runde von ihren Stühlen. Damit folgen die Sozialdemokraten nur dem Beispiel ihres Landes: Wie der zweite deutsche Staat, so ist auch die zweite deutsche Sozialdemokratie nicht allein lebensfähig. Und der vielleicht letzte Parteitag der DDR-SPD offenbarte, daß beide Entwicklungen von sehr ähnlichen Kräften beschleunigt werden.

Viele Sozialdemokraten, die noch vor Monaten auf eine eigenständige "DDR-Identität" als psychologische Bremse gegen einen zu schnellen "Anschluß" hofften, erkannten am vergangenen Samstag endgültig: Auch die Sozialdemokratie in der DDR eint kein gemeinsamer Stallgeruch. Die Partei zerfällt in Freundeskreise; längst gehört das Wort von den "Seilschaften" zum gängigen Parteijargon. Der stellvertretende Parteichef Karl-August Kamilli beschrieb drastisch, in welchem Klima einfache Mitglieder, die Volkskammerfraktion und der Vorstand miteinander umgehen: "Manchmal scheinen diese Gremien verschiedenen Parteien anzugehören." Niemand widersprach.

Den Bruch hatte vor allem die einsame Entscheidung der Volkskammerfraktion provoziert, trotz der Wahlniederlage vom 18. März in eine große Koalition mit der CDU und der verachteten DSU einzutreten. Vergeblich versuchte Willy Brandt nun in Halle, eine Brücke über den innerparteilichen Graben zu bauen. Seine Mahnung zur Geschlossenheit wurde nach nur wenigen Minuten von Käte Woltemath in den Wind geschlagen. Die siebzigjährige Mutter der Partei sprach leidenschaftlich aus, was viele Idealisten ohne Amt und Verantwortung in der SPD kleinlaut hinunterschluckten. Die Koalition beschere der Partei eine "verschwommene Identität" neben der CDU; sie hätte ihre SPD "lieber ehrlich kämpfend in der Opposition gesehen". Mit breitem mecklenburgischen Akzent rollte sie ihren Angriff gegen Markus Meckel: "Weil unser amtierender Vorsitzender Markus Meckel das Außenministerium haben wollte, haben wir alle es jetzt mit einem Herrn Diestel von der DSU als Innenminister zu tun."

Als die grauhaarige Rostockerin noch gegen die Gefahr polterte, "von Karrieremachern benutzt und mißbraucht zu werden", betrat Meckel gerade die Bühne. Sein Achselzucken und sein gequältes Lächeln hinter dem Rücken der Parteiseniorin legten bloß, daß hier zwei Parteihälften beieinander standen, die sich eigentlich nichts mehr zu sagen haben. Nach ihrer Philippika gegen die angebliche Parteirechte, die "Linke ausgrenzt oder als Utopisten belächelt", wollte Käte Woltemath, immerhin Ehrenmitglied des Parteivorstandes, auf dem Podium nicht neben Willy Brandt Platz nehmen: "Da gehöre ich nicht hin."