Von Christine Schaefer

Wohl jeder hat sich bereits gelegentlich gefragt, warum wir schlafen (müssen) und was während der Nacht mit unserem Körper passiert. Denn relativ wenig ist bekannt darüber, was uns in den seligen Schlummer verfallen läßt, warum wir träumen, was dabei im einzelnen in Körper und Gehirn vorgeht und warum viele Menschen an chronischen Schlafstörungen leiden. Der britische Schlafforscher James Anthony Horne, Direktor des Schlafforschungslabors der Universität in Loughborough, verficht die folgende Theorie: Wir schlafen nach seiner Meinung, weil unser Gehirn sich erholen muß. Für die Regeneration unseres Körpers habe die nächtliche Ruhe dagegen keine oder nur kaum Bedeutung. Home schließt dies aus Untersuchungen an freiwilligen Versuchspersonen, denen über mehrere Nächte der Schlaf entzogen wurde.

Bei diesen Versuchen machte der Wissenschaftler eine erstaunliche Entdeckung: Die Körperfunktionen des Menschen bleiben auch nach mehrtägigem Schlafentzug praktisch unbeeinträchtigt. Herzschlag und Atmung verändern sich nicht, auch die anderen Körperorgane arbeiten normal weiter. Es gibt keine Veränderungen des Blutbildes, und auch die Leistungsfähigkeit der Muskeln bleibt völlig erhalten. Überraschenderweise reagiert der Organismus außerdem nicht mit einer erhöhten Bildung des Streßhormons Kortison, er scheint offensichtlich keinem besonderen Streß ausgesetzt zu sein. Die einzige Veränderung, die Horne bei seinen Untersuchungen feststellen konnte, liegt in einer geringfügigen Verzögerung der Immunreaktionen des Körpers, ein Befund, der bisher noch nicht genau interpretiert werden kann. Der Schlafforscher schließt aus seinen Versuchen, daß der menschliche Körper auf den nächtlichen Schlaf nicht angewiesen sei, er könne sich bei ausreichender Nahrungszufuhr auch ohne Schlaf in Ruhepausen erholen.

Anders das Gehirn: Auf den Schlafentzug reagierten die Probanden mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, ihr Gedächtnis ließ nach, die Denkprozesse waren generell verlangsamt, und auch die Orientierungsfähigkeit in Zeit und Raum war beeinträchtigt. Bei Tests der kognitiven Leistungsfähigkeit lieferten die Versuchspersonen weniger originelle Antworten. "Motivation, sprachliche Wendigkeit und auch Spontaneität lassen durch den fehlenden Schlaf deutlich nach", erläuterte Horne kürzlich beim 10. Kongreß der Europäischen Gesellschaft für Schlafforschung in Straßburg. Er vermutet deshalb, daß wir Nacht für Nacht zu Bett gehen und immerhin etwa ein Drittel unseres Lebens schlafend verbringen, damit sich unser Gehirn von seiner täglichen Arbeit erholt.

Die frühere Annahme, der Schlaf sei für Wachstumsprozesse im Körper wichtig, ist inzwischen widerlegt: Zwar steigt während der Nacht die Konzentration von Wachstumshormonen im Blut an, doch hat dies scheinbar nichts mit Wachstumsprozessen im Körper zu tun. Dies würde nämlich voraussetzen, daß die allgemeine Stoffwechselaktivität erhöht ist, daß Proteine vermehrt gebildet werden und Zellen sich häufiger teilen. Doch dies ist nicht der Fall. Bei der Frage, warum dann mehr Wachstumshormone während des Schlafs gebildet werden, tappen die Wissenschaftler noch im dunkeln.

Sie räumten in Straßburg auch mit einer weiteren Vorstellung auf: Noch vor wenigen Jahren nahm man an, die Traumschlafphasen seien für die Erholung des Menschen besonders wichtig. Inzwischen setzten die meisten Schlafforscher mehr auf den Tiefschlaf. "Wir haben lange Jahre den Traumschlaf in seiner Bedeutung überbewertet und die anderen Schlafstadien vernachlässigt", hieß es selbstkritisch.

So faszinierend es sein mag, den süßen oder auch erschreckenden Träumen die Verantwortung für den Erholungswert des Schlafes zuzuschieben – das Konzept war vermutlich falsch. Es hat sich wahrscheinlich deshalb so lange gehalten, weil man im Elektroenzephalogramm (EEG) durch die Ableitung von Hirnstromwellen sehr deutlich sehen kann, ob jemand träumt oder nicht. Man unterscheidet inzwischen fünf verschiedene Schlafphasen: Stadium I und II, den leichten Schlaf, der übergeht in die Stadien III und IV, den Tiefschlaf, und schließlich das fünfte Stadium, den Traumschlaf. Dieser heißt auch REM-Schlaf (Rapid-Eye-Movement), weil er mit sehr schnellen Augenbewegungen einhergeht.