Anders als in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei sind die Kommunisten in Bulgarien bei den ersten freien Wahlen keineswegs in Ungnade gefallen. Mit knapp 48 Prozent der Stimmen ging die regierende Kommunistische Partei, die sich erst im April in Bulgarische Sozialistische Partei umbenannt hatte, am vergangenen Sonntag als eindeutige Siegerin hervor – weit vor dem wichtigsten oppositionellen Wahlbündnis, der Union Demokratischer Kräfte, die überraschenderweise nur knapp 36 Prozent erreichte. Drittstärkste Partei wurde mit acht Prozent die Bauernpartei, die bis vor kurzem noch als Blockpartei treu das kommunistische Regime mitgetragen hatte. Die muslimische Bewegung für Rechte und Freiheiten, welche die Interessen der türkischen Minderheit – rund eine Million – vertritt, kam auf sechs Prozent.

"Wir haben die wichtigste Schlacht seit dem Zweiten Weltkrieg gewonnen", jubelten die Kommunisten nach diesem ersten Wahldurchgang. Auch sie setzen sich wie ihre Herausforderer für eine parlamentarische Demokratie, die Intensivierung der Kontakte mit dem Westen und die Einführung der Marktwirtschaft ein. Unterschiedliche Auffassungen bestehen allerdings über die Geschwindigkeit von Veränderungen. Während sich die Opposition für eine Art "polnisches Schockprogramm" zur Sanierung der desolaten Wirtschaftslage stark macht, schlägt Ministerpräsident Andrej Lukanov eine "weichere" Übergangslösung vor: Die Marktwirtschaft soll zwar rasch, aber "kontrolliert" eingeführt werden; die Kommunisten wollen sich vor allem für Rentner und Familien mit geringem Einkommen einsetzen. Für den Fall eines Wahlsieges der Opposition prophezeite die Sozialistische Partei Massenarbeitslosigkeit und politisches Chaos. Solche Worte fanden sicherlich bei jenen vierzig Prozent der Bevölkerung Gehör, die nahe an der Armutsgrenze leben.

Der Zulauf der Kommunisten scheint besonders in ländlichen Gegenden, wo fünf Sechstel aller Bulgaren leben, groß gewesen zu sein. Dort sitzt nämlich nach wie vor die alte Nomenklatura an den Hebeln der Macht. Die Opposition beklagt Einschüchterungsversuche.

Im Wahlkampf konnten sich die Kommunisten zudem auf die ausgebauten Organisationsstrukturen im ganzen Land und die politische Erfahrung stützen. Immer wieder betonten sie, daß der Erneuerungsprozeß in Bulgarien im vorigen November von ihnen selbst ausgegangen war. Verweise auf "Fachkompetenz" zählten schließlich mehr als die politische Sauberkeit der Oppositionsparteien.

Die Zukunft wird zeigen, ob sich die Union Demokratischer Kräfte zu einer von den Kommunisten schon vor der Parlamentswahl angebotenen "Regierung der Nationalen Verständigung" bereit findet. Bis zuletzt hatte sie eine solche Koalition jedenfalls strikt abgelehnt. Gisela Dachs