an sollte jetzt die Börse schließen und erst in drei Wochen wieder öffnen", entfuhr es am Montag einem Frankfurter Aktienhändler, "die nächsten Tage werden fürchterlich." Damit meint er keinesfalls, er rechne mit einem bevorstehenden Kurssturz. Vielmehr glaubt er, daß sich bis zum 1. Juli, wenn die Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR Wirklichkeit werden soll, nicht mehr viel tut. Wer jetzt noch Bares habe, der warte den Juli ab. Und wer mit einem DDR-Boom rechnet, der habe seine Aktien schon in der Tasche. Der Börsianer befürchtet, daß der Kursverlauf von kleinen Umsätzen bestimmt wird und mal nach oben und mal nach unten zeigt. Für Börsianer sei das zermürbend.

Skepsis und Zurückhaltung beherrschen schon seit Tagen die Stimmung an der Frankfurter Aktienbörse. Fast alle Händler sind zwar davon überzeugt, daß die Aussichten für deutsche Aktien auf lange Sicht ausgezeichnet sind. Doch zuvor müsse noch ein Tal des Schweißes durchquert werden. Viele bewegt dabei die Frage, was die DDR-Bürger nach dem 1. Juli wohl mit der D-Mark anfangen. Werden sie ihr Erspartes bei der Bank lassen, oder werden sie sich dem Konsumrausch hingeben und damit die Inflation anheizen? Starke Verluste für Kaufhausaktien in der vergangenen Woche deuten allerdings darauf hin, daß man der DDR-Bevölkerung durchaus einen vernünftigen Umgang mit Geld zutraut.

Börsenexperten der Banken betonen immer wieder die günstigen Rahmendaten für die deutsche Wirtschaft und das hohe Wachstum des Bruttosozialproduktes im ersten Quartal. Und von der Wirtschafts- und Währungsunion erwarten sie zusätzliche Impulse. Doch mit DDR-Phantasie lassen sich jetzt keine Kurse mehr machen. Die Anleger wollen erst einmal sehen, ob der DDR-Rubel wirklich rollt. Das heißt, sie warten auf Aufträge aus der DDR, die höhere Erträge für ihre Aktiengesellschaften erwarten lassen.

Auch die Entwicklung der Zinsen mahnt zur Vorsicht. Zum Beginn der Woche hat die Durchschnittsrendite für öffentliche Anleihen wieder die Marke von neun Prozent erreicht. Die meisten Börsianer glauben, daß hohe Zinsen für den Aktienmarkt Gift sind. Immer wieder hört man deshalb die Meinung, daß die nächste Hausse am Aktienmarkt erst einsetzt, wenn sich bei den Zinsen eine Entspannung abzeichnet. Doch seitdem bekannt ist, daß die deutsche Einheit weitgehend mit Schulden finanziert werden soll, ist an rückläufige Zinsen vorerst nicht zu denken. per