ZDF, Dienstag, 19. Juni, 22.15 Uhr: "Heimatmelodien"

In elf Ländern sind diese so kurzen Videofilme über einheimische Volksmusik entstanden. Volksmusik – fast überall die einzige authentische Musik. Keine "Folklore", keine künstliche Volksmusik wie bei uns. Was fällt dem bundesdeutschen Filmer ein beim Stichwort Folklore? Richtig: der Schuhplattler. Wer bisher nicht wußte, was das schöne Wort "krachledern" bedeutet, wird es hier erfahren. Claus Blume hat das Knarzen der Lederschuhe und Lederhosen elektronisch verfremdet oder nachgebildet, er hat das Klatschen der Lederhände, Holzlöffel und Schuhsohlen auf behaarten Knien, Hosenböden und Holzdielen in seine Einzelteile zerlegt. Der eigentliche Lederkrach, von dem das Krachlederne sich herleitet und der an und für sich ein sehr komplexes Geräusch ist, wird auf den Knall gebracht, den Schlag, den Tritt, der ihn verursacht. Aus einem anmutigen Schuhplattler wird ein komisch-aggressives Gewirr rhythmisch geordneter Hackstucke: zerhackstücktes Lederknarzen, zerplatteltes Juhugeschrei.

Was sieht man beim Hören? Wenn die Dudelsackpfeifer sich einstimmen, sich auf ihren Grundton bringen, den Bordun: den festen schottischen Boden unter den Füßen, haben sie den weiten Horizont, das Meer vor Augen, die Seemöwen kommen kreischend hinzu. In den geschwälbten Hüten der Dudelsackpfeifer haben die Möwen Verwandte entdeckt. In den kreischenden Pfeifentönen ist ein Ziehen, das auch sie herbeizieht, das die blasse Zirrhuswolke über den azurnen Himmel zieht und den Marine-Pfeifer in die weite Ferne. Da ist ein Mädchen hinterm Wasser; und vor dem Mädchen ist der Halbschlaf, die endlose Müdigkeit des Borduns, der da unter den Füßen liegt und gähnt.

Die Geige in der Pußta, Ochsen in Holzverhauen, lehmiger, karger Boden. Geigen ist Qual, es quält zunächst den Geiger, der Mühe hat mit seinem schlichten Instrument, das ohne Bünde ist und Tasten, das fietscht und krächzt, bis, endlich, die ersten Töne abheben, sich losmachen und nun die Hörer quälen: weil sie nicht fliegen können, weil sie nicht frei sind wie die Geigentöne. Der Geiger geigt, die Ochsen werden frei, brechen durch Holzverhaue, Ziegen, Pferde überspringen sperrende Holme, fallen ein in Budapest. Herden trampeln über Brücken, Esel schritteln über zierliche Balkone, Mastgänse landen vorm Theater, im Park kräht stolz ein Hahn: Das hat die Violin’ getan.

Aus Moçambique kommt ein Film über die Sparsamkeit; afrikanische Minimalistik, die kleinen Schritte, aus denen sich das motivische und rhythmische Geflecht der Musik baut – und die kleinen Schritte, die man tut der großen Hitze wegen. Die wenige Milch, die der Kuh in eine Kokosschale abgezapft wird, reicht für den Melker, seinen Hund und für die ganze Familie. Genügsam und zufrieden kreist die Musik in sich, hat keinen Anfang, keinen Schluß, fließt wie das Lebenswasser selbst.

Wölfische Laute aus Jugoslawien; beim Gottesdienst heulen die Männer sich in Trance. Sie treten von sich weg – aufgefächerte Portraits. Sie reißen sich fort vom Irdischen, und die Kamera reißt sich von der Armut hoch, in der sie hausen. Sie sehen ab, sie treten weg, sie beugen sich und heulen und werden groß und stark und reich. Martin Ahrends