Von Gunter Hofmann und Gerhard Spörl

ZEIT: Seit Ihrer Rede am 17. Juni vergangenen Jahres im Bundestag hat sich die Situation für Deutschland gewaltig und überraschend verändert. Sie haben damals, manches vorausahnend, Konsens zu stiften und zu integrieren versucht. Wenn man heute Bilanz zieht – zumindest die SPD scheint es angesichts der deutschen Frage oder des Weges zur Vereinigung, vor allem in der Haltung zum Staatsvertrag fast auseinanderzusprengen. Kanzlerkandidat Lafontaine hat ernstlich ans Aufgeben gedacht. Was ist da mißglückt?

Eppler: Meine Rede zum 17. Juni hatte eine Prämisse, die an einigen Stellen durchschimmert. Sie lautete: Es ist höchst zweifelhaft, ob die DDR als Staat lebensfähig bleibt. Deshalb habe ich versucht, die Parteien auf einen Konsens zu verpflichten. Dies ist überraschenderweise gelungen, wie die Reaktion aus der Union und auch aus der gesamten Presse gezeigt hat. Aber Anfang September vorigen Jahres hat Volker Rühe diesen Konsens, der sich anbahnte, mit der Axt zusammengeschlagen, und erst später habe ich begriffen, warum.

ZEIT: Warum?

Eppler: Ich glaube, Rühe und Kohl haben auch gespürt, daß da etwas kommt. Sie haben daraus aber genau die umgekehrte Schlußfolgerung gezogen, nämlich: Das muß unsere Sache sein, und da wollen wir keine Gemeinsamkeit; es muß klar sein, wer Deutschland wieder zusammengebracht hat und wer, etwa wie 1871, auf der Seite der Gegner – damals sagte man: der Reichsfeinde – steht.

ZEIT: Die Einheit Deutschlands wird also wieder, sagen Sie, auf verdeckt nationalistische Weise instrumentalisiert?

Eppler: Das Unglück 1871 war doch wohl, daß die Einheit des Reiches gekoppelt war mit der Spaltung der Nation, absichtlich und bewußt. Ich könnte mir sogar vorstellen, daß das schreckliche Ende dieses Reiches mit diesem Geburtsfehler zusammenhängt. Hitler hat einfach aus den Reichsfeinden die Novemberverbrecher gemacht, und während man Feinde einsperrt wie seinerzeit Bebel auf der Festung, bringt man Verbrecher um. Für mich war die Frage: Wie können wir auch nur Anklänge daran in Zukunft verhindern?