5. Die Wahrheit

Aus der Antwort des ehemaligen Chefredakteurs der "Welt", "Stern"-Autors und jetzigen Leiters der Gruner + Jahr-Journalistenschule auf die Frage: "Welches sind (allgemein gültige) Regeln für das journalistische Handwerk?", nachzulesen in dem Band "Internationaler Publizistik-Preis Klagenfurt 1989", List Verlag.

Der kleine Prince

"Nur 1,58 klein" ist er in der Hamburger Morgenpost. Zu "gerade mal 1760" wächst er in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und erreicht im Hamburger Stadtmagazin Szene bereits die beachtliche Größe von 1,63. Dafür stutzt ihn die Szene aber wieder zurecht, bescheinigt ihm, "daß er privat (!), wie man hört, homosexuell sein soll", was "die Sache nicht appetitlicher" mache, und konstruiert ein "Gipfeltreffen" mit Madonna, die er "nur um ganze neun Zentimeter" überrage. 1,54 demnach, während sie in der Morgenpost auf 1,49 schrumpfen würde. Je winziger, desto besser, vor allem, wenn man immer unten stehen muß, zur Bühne hinaufstarrt und trotz normaler Größe kaum etwas sieht. Es tut einfach gut, zu wissen, daß sie alle klein sind: von Bob Dylan bis Bruce Springsteen, von Chaplin bis Bogart, von Goethe und Napoleon ganz zu schweigen. Aber Prince’ Präsenz scheint die Schrumpfphantasien der Journalisten besonders zu erregen. Musikalisch ist er unangreifbar – der in dieser Hinsicht unverdächtige Miles Davis nennt ihn den "Duke Ellington der neunziger Jahre" –, dazu ist er Sexsymbol, perfekter Tänzer und Komponist – aber klein. Vielleicht ist es auch seine zweideutige Eindeutigkeit, mit der er die gefährliche, aggressionsfördernde Dreieinigkeit aus Sex, Religion und Musik Wiederaufleben läßt. Ein Lichtermeer aus Feuerzeugflammen, über dem sein Oberkörper schwebt, das weiße Büßerhemd mit dem runden Ausschnitt zur weißen Gitarre, die langen schwarzen Haare im Wind – eine Christus-Travestie zu den Auferstehungsklängen von "Purple Rain". Und dann verrutscht das Hemd, gibt eine Schulter frei – obszön wie der dreckig lachende Jesus bei Buñuel. Es darf nicht sein. Bitte eine Nummer kleiner. Und wenn die musikalischen Maßstäbe fehlen, dann mißt man eben nach Zentimetern. Die alte Napoleon-Geschichte: Ein Marschall bietet dem Kaiser an, ihm ein Buch aus dem oberen Regal zu nehmen, da er größer sei. Napoleon: "Größer? Länger!"

"Polis" Nummer eins

So ist das nun mal. Kein Mensch, lesen wir, käme auf die Idee, bei der Freude über einen alten Rubens den Picasso von heute zu vergessen. Doch über dem schwärmerischen Lobpreis für das gerade couragiert erneuerte klassizistische Von der Heydt-Museum haben die Wuppertaler ein Prachtstück gleich gegenüber aus den Augen verloren, das die Baugeschichte immerhin mit der gleichen Verbeugung zur Kenntnis nimmt. Nun kann man lesen, daß dieses Gebäude, ehemals ein Kaufhaus, gar nicht verschwunden, daß seine elegante, von Fenster- und Brüstungsbändern schwungvoll gezeichnete Fassade sogar fast vollständig im Original erhalten sei – nur daß der Inhaber des Möbelhauses, das sich dahinter ausbreitet, sie unter einer banalen Aluminiumverpackung hat verschwinden lassen. Wer weiß, warum er das in den siebziger Jahren getan hat. Wenigstens erfahren die Stadtbewohner jetzt davon in einem neuen Blatt mit dem Titel polis – Zeitschrift für Architektur, Stadtplanung und Denkmalpflege in Wuppertal, deren erstes Heft unlängst erschienen ist (Verlag Müller und Busman GbR, Wuppertal 1; 52 S., 7,50 DM). Es ist eine ungewöhnliche Anstrengung, dieses interessante vierteljährliche "Forum zur Diskussion über Architektur", in dem sich "alle – Bürger und Fachleute – wiederfinden" sollen. Irgendwann, möchte man annehmen, wird die engagierte Zeitschrift der Hochschulstadt Wuppertal den gleichen journalistischen Pfiff bekommen, der etwa den Vorgänger Metropolis für New York oder das Monatsblatt Hochparterre für die Schweiz auszeichnet. Aber die Herausgeber hätten sich jetzt schon einen Orden verdient, wenn der Möbelkaufherr sich seines Baukunstwerkes erinnerte, das der Architekt Emil Fahrenkamp 1929 entworfen hat, wenn er sich also erweichen ließe, die feine Fassade wieder zu entblättern – zu seinem und seiner Stadt Ruhme.

Ohren zu, Börsen auf

Der neueste Blödsinn kommt aus Jülich. Dort sitzt die Firma Vivace, neben der Kernforschungsanlage wohl der heißeste Ofen in Jülich und um Jülich herum. Vivace bietet ein unbegrenzt spaltbares Material an: Kultur. Nämlich: "Musikreisen, die in ihrer Vielfalt und Exotik einzigartig sind." Möchten Sie, Kunstfreund X, für schlappe siebentausendzweihundert Mark im Doppelzimmer samt Gattin mit dem Orient-Express von London nach Venedig fahren, Rossini und Ritz und Verdi und Galadiners und zwei Übernachtungen im "Splendid Suisse" inklusive? Oder für lachhafte fünftausendeinhundert Emmchen zu Wagners "Ring" nach San Francisco, zuzüglich "Gala-Diner mit René Kollo"? Oder nach Köln, zum "Luciano-Pavarotti-Special" mit Konzert und Sektempfang und Galadiner i. Anw. des göttlichen Luciano, für kühle vierzehnhundert DM und "zugunsten junger Künstler"? Hin, wenn Sie kein junger Künstler sind! Vivace bringt Sie schnell und teuer überallhin, wo die Ohren zu und die Börsen offen sind. "Der richtige Künstler am richtigen Ort" – so muß es sein. Wie hieß doch noch dieser ferne Planet, von dem der berühmte Fernsehkünstler Alf auf die Erde niederkam? Na ja, da wollen wir jedenfalls auch mal hin. Mit Vivace, und zwar molto vivace. Preis kein Problem.