ARD, Montag, 25. Juni, 23.45 Uhr: "Stille Freude", tschechoslowakischer Spielfilm von 1985

Hierzulande versucht man uns einzureden, daß für jede Art von Glückseligkeit ein Ding vonnöten sei, das uns zum Glücklichsein verhelfe, ein Mittelchen. Devotionalien- und Ablaßhändler verkauften vordem solche Mittelchen, Mittler zu Gott, dem Allmächtigen. Nun sind wir aufgeklärt, diesseitig und sinnenfroh, genießen "frohen Herzens" den Kaffee, den man uns anempfahl zur gehobenen Stimmung. Sursum corda, höher die Herzen, hieß es vordem – ob der vom Kaffee beschwingte Kreislauf gemeint war?

In der östlichen Hemisphäre gab man sich auch aufgeklärt, aber nicht so sinnenfroh diesseitig. Lebensfreude sollte vom Dienst an einem Jenseits her kommen, das man ins Diesseits transponierte als künftige Idealgesellschaft; beim Versuch, den Himmel auf die Erde zu zerren, verkam beides. Václav Havel beschrieb das Leben in seinem Land als ein Leben in Atemnot. Gemeint war der immer enger begrenzte Raum, sein Leben individuell zu gestalten, gemeint war auch die Reduktion des öffentlichen Lebens.

Der Film von Dušan Hanák zeigt die Reduzierung des Daseins im Privaten, zeigt sie als chaotische Tendenz im öffentlichen. Der dümmliche Elektrobastler wird vom Arzt umworben, auf dessen Station die Technik ausgefallen ist; der Arzt schaufelt weißen Zement von der Klinik-Baustelle in eine Einkaufstüte, um den Bastler zu entlohnen. Nichts geht ohne Beziehungen, die Schacherei, die kleinen Betrügereien und Diebstähle demoralisieren jeden, der damit zu tun hat. Und der Effekt ist nur, daß alles notdürftig in Gang gehalten wird.

In einer Garage taucht ein Klavier auf; wohin damit? Jemand kennt jemanden, der einmal einen Stimmer kannte; man wird einig, das Klavier wandert zwei Treppen hoch in die Wohnung des Stimmers. "Früher", spöttelt man, "war das umgekehrt." Lauter Episoden, lauter abgebrochene Projekte und Überlebensimprovisationen. "Das Bild des Lebens, das künstlich reduziert wird auf seine bloß private Dimension ... verändert sich unaufhaltsam zu einer seltsamen Anekdote, zu einem Genrebildchen, zu einer nachbarlichen Redensart oder einem Märchen", schreibt Havel. Die Banalität waltet unumschränkt, es gibt keine Chance, ihr zu entgehen. Sonja ist die Fee in diesem Märchen, sie ist Krankenschwester, und ihr Lächeln kann heilen. Auch Sonja lebt von der Substanz, wird ausgenutzt und aufgebraucht, wird ausgesaugt vom absterbenden Gemeinschaftsleben. Von Trägheit abgekühlte Herzen betrinken sich an ihrer Wärme, bis sie es lernt, sich auch zurückzunehmen, sich auf das Maß der allgemeinen Niedrigkeit zu reduzieren. Der Himmel, die blau-weiß bemalte Käseglocke, sieht ihre stillen Freuden noch, sonst niemand.

Die Reduktion des Lebens nimmt ihm seinen Glanz, die Farben, den großen Atem. Und sie entwässert, destilliert das Leben derer, die sich nicht reduzieren lassen. Da wird dann alles dichter, intensiver, was der Augenblick beschert. Der Augen-Blick, Blick aus dem schlierigen Fenster der Kinderklinik auf staubbedeckte Dächer; das kranke Kind ist eingeschlafen. Es wird gesund. Die Kinder – so viel neue Kraft, so viele unverdorbene Entwürfe auf ein gutes Leben, so viele lohnende Projekte. Der Augen-Blick zuvor: die stille Freude und die einzig menschenmögliche, die größte Freude, ob nun unterm Himmel oder unter der Käseglocke – zwei Menschenaugen gegenüber, die lebendig sind. Martin Ahrends