Von Christoph Bertram

Nun also hat der Lieferant einer zur Giftgasherstellung tauglichen Fabrik für Libyen sein Geständnis abgelegt. Jürgen Hippenstiel-Imhausen will seine Richter milde stimmen und packt deshalb aus: wie er, um das Arrangement mit Libyen zu kaschieren, fälschte und täuschte und wer ihm dabei zur Hand ging. Er wolle, so Hippenstiel, nun einen Schlußstrich ziehen, "auch wenn die Folgen für mich irreparabel sind".

Schlußstrich ziehen, für ihn irreparabel? Die Kampfgasfabrik in Rabta steht bereits, dank Hippenstiel und Konsorten. Ghaddafi hat gerade seine Wissenschaftler angespornt, die Militärmacht des Landes am Mittelmeer zu mehren, das ganze 500 Kilometer vom europäischen Festland entfernt ist: "Arbeitet Tag und Nacht, um die Zeit abzukürzen, und intensiviert eure Bemühungen, den Weltraum zu erreichen und das Atom herzustellen!" Die Saat, die Hippenstiel und andere ausgesät haben, wird sprießen, das wachsende Zerstörungspotential ehrgeiziger Drittwelt-Herrscher jeden Regional-Konflikt zum potentiellen Flächenbrand machen.

Gewiß, Hippenstiel ist nicht der einzige westdeutsche Unternehmer, der gegen bares Geld die Lunte für künftige Explosionen gefertigt und geliefert hat. Und nicht nur deutsche Geschäftsleute haben mit dem Export von Waffenanlagen für die Dritte Welt ihren Reibach gemacht. Dennoch ist bestürzend, mit welcher Emsigkeit gerade deutsche Unternehmer rund um den Globus beteiligt sind, wenn immer es gilt, waffentaugliche Technik zu liefern. Ohne diesen Beistand lägen Pakistan, Indien und Brasilien auf dem Weg zum Atomwaffenstatus noch weit zurück. Ohne deutsche Technik steckten argentinische, brasilianische und irakische Raketenrüstung noch in den Kinderschuhen. Ohne deutsche Lieferungen könnten weder Libyens Ghaddafi noch Iraks Hussein einigermaßen ernsthaft mit ihren neuen Wunderwaffen prahlen. Falls in Südasien die schwelende Kaschmir-Krise Indien und Pakistan in einen Krieg ziehen, falls im Nahen Osten politische Uneinsichtigkeit einen neuen Waffengang zwischen Israel und seinen Nachbarn heraufbeschwören sollte – deutsche Wertarbeit wäre immer dabei.

Gewiß, auch andere Länder sind an diesem gedankenlosen und zynischen Geschäft beteiligt: Profitgier kennt keine Nationen und keine Grenzen. Und doch haben wir Deutschen besonderen Grund, uns selbst an die Brust zu schlagen. Denn wenn die Waffen, die all die heimlich exportierten Fabriken herstellen, einmal eingesetzt werden, dann könnte sich die Schuld gegenwärtiger Achtlosigkeit mit der großen Schuld deutscher Vergangenheit verbinden – Auschwitz nicht nur im Wüstensand, wie der amerikanische Publizist William Safire Anfang vergangenen Jahres den Rabta-Deal der Firma Imhausen bezeichnete, sondern auch am Himalaja. Die Deutschen, die gerade jetzt nichts nötiger brauchen als internationales Vertrauen, stünden wieder am Pranger der Welt.

Unternehmerische Profitsucht und staatliche Nachlässigkeit haben dabei zusammengewirkt. Jahrzehntelang galten in Bonn die Proliferationsbarrieren vornehmlich als lästige Einengung deutscher Exporte. So sah denn die politische Führung gern weg, und die Bürokraten, vor allem im zuständigen Wirtschaftsministerium, legten die Exportbeschränkungen gerne so aus, daß sie den Exporteuren nicht ins Handwerk pfuschten. "In Bonner Amtsstuben", stöhnte kürzlich eine grüne Bundestagsabgeordnete, "gilt der Grundsatz: Alles, was nicht schießt und knallt, ist keine Waffe und darf exportiert werden."

Inzwischen sind die Politiker aufgewacht, wenn auch weniger, weil die Sorge vor Auswirkungen in der Dritten Welt sie aufschreckte, sondern als Reaktion auf die amerikanische Mißbilligung nach Rabta. Ein ganzes Jahr brauchte der Bundestag, um den Gesetzentwurf über zusätzliche Kontrollen und Sanktionen zu beraten und hier und da noch zu verwässern. Ende dieser Woche soll der Bundesrat sein Plazet geben. Dies sei dann, so heißt es stolz in Bonn, die schärfste Kontrollregelung überhaupt in der Welt. Die Politik hat ihr gutes Gewissen wiedergefunden.