Von Hans Harald Bräutigam

Erst im Schlafwagenabteil des Nachtzuges von Minsk nach Moskau wurde Igor Zelenkevich, Ärztlicher Leiter der weißrussischen Gesundheitsbehörde in Minsk, etwas gesprächiger. Wenige Stunden zuvor hatte er bei der Eröffnung der "Minsker Gesundheitswoche" stolz ein mit westlicher Technik vollgestopftes Diagnostikzentrum vorgeführt, um damit die Leistungsfähigkeit der Gesundheitsfürsorge in der Weißrussischen Republik zu demonstrieren. Es ginge jetzt mit der Vorsorge für die Bevölkerung aufwärts, meinte auch der Gesundheitsminister der Republik, Vassily Kasakow, anläßlich einer Pressekonferenz. Sein Optimismus beruhte unter anderem auf einem Vertragsabschluß mit der deutschen Fresenius AG über die gemeinsame Herstellung von Dialysatoren für künstliche Nieren. Recht einsilbig wurden die Verantwortlichen jedoch bei Fragen nach der Situation der vom Reaktorunfall in Tschernobyl betroffenen Bevölkerung in Weißrußland.

Mehr als 70 Prozent des Territoriums der Weißrussischen Republik sind von der Katastrophe im benachbarten Tschernobyl betroffen, über 100 000 Menschen mußten bislang evakuiert werden. Ob die Berichte über vermehrte Schilddrüsenerkrankungen, kindliche Mißbildungen oder Leukämien nach dem Unfall zuträfen, wollten die westdeutschen Besucher wissen. Doch klare Antworten blieben aus. Schweigsam verhielt sich bei der Pressekonferenz auch der zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls verantwortliche Gesundheitsminister Nikolai Sawtschenko. Er hatte sich damals nicht einmal zu einer allgemeinen Jodprophylaxe durchringen können, obwohl seit langem bekannt ist, daß die Einnahme von Jodtabletten einer Speicherung radioaktiven Jods im menschlichen Körper vorbeugt. In Minsk forderte er, der Westen solle 50 000 Geigerzähler zur Verfügung stellen, damit die Bewohner der kontaminierten Gebiete selbst die Strahlenbelastung der Nahrungsmittel feststellen könnten.

Beim Gespräch im Schlafwagen meinte Igor Zelenkevich hingegen: "Unsere Bevölkerung kann mit den empfindlichen Geräten nicht umgehen. Und was sollen sie denn essen, wenn unbestrahlte Nahrungsmittel aus anderen Gebieten nicht herangeschafft werden können?" Für das Ausweichen bezüglich der Erkrankungsraten hatte er eine ebenso erschreckende wie banale Erklärung: "Wie soll eine durch Tschernobyl veränderte Erkrankungshäufigkeit in den betroffenen Regionen festgestellt werden, wenn wir nicht einmal den Gesundheitszustand unserer Bevölkerung vor dem Unfall genau kennen?"

Die sowjetischen Gesundheitsstatistiken sind in der Tat so dürftig wie das Gesundheitswesen überhaupt. "Ärzte haben wir genug, Krankenschwestern auch, die kosten ja mit einem Jahresgehalt von ungefähr 2400 Rubeln nicht viel. Die Ausstattung unserer Krankenhäuser ist erbärmlich. Können Sie sich gynäkologische Abteilungen ohne fließendes Wasser vorstellen?" klagte er. "Als Urologe weiß ich, daß viele meiner Landsleute an Nierenversagen sterben, weil es keine künstlichen Nieren gibt." In den amtlichen Statistiken wird dies mit der Angabe verschleiert, daß nur 12 von 1 Million Bürger einer Dialyse bedürften. Im Westen hingegen sind über 500 von 1 Million Menschen auf die Dialyse angewiesen.

Mangels vernünftiger Zahlen gibt es über die gesundheitlichen Folgen des Reaktorunfalls bisher nur Vermutungen. Den offiziellen Angaben des Gesundheitsministeriums in Minsk schenkt die Bevölkerung keinen Glauben mehr. In den kontaminierten Gebieten sollen Bluthochdruckerkrankungen, Blutarmut, Halsentzündungen und Zuckerkrankheit zwei- bis viermal häufiger auftreten als früher. Viele Ärzte und die Bevölkerung sind überzeugt, daß diese (eher untypischen) Symptome Folgen der Strahlenexposition seien. Mindestens ebenso plausibel ist jedoch die Erklärung, daß infolge der mittlerweile häufigeren ärztlichen Untersuchungen schlicht mehr Krankheiten entdeckt werden – und beileibe nicht jedes Leiden ist durch erhöhte Strahlung verursacht. Dennoch ist für viele Sowjetbürger jedes mißgebildete Kind ein Strahlenopfer. Dabei haben erst kürzlich Experten erneut festgestellt, daß Kinder und Enkelkinder der Überlebenden der Atombombenangriffe auf Nagasaki und Hiroshima entgegen allen ursprünglichen Erwartungen nicht häufiger von Erbkrankheiten heimgesucht werden als andere.

Leider gehen viele zuverlässige wissenschaftliche Aussagen im Getümmel der öffentlichen Diskussion unter. Voreilige Rückschlüsse sind oft die Folge. Obwohl auf die Bundesrepublik vergleichsweise wenig radioaktiver Fallout niedergegangen war, tauchten nach Tschernobyl immer wieder Behauptungen auf, daß es hierzulande zu deutlich erhöhten Mißbildungsraten bei Menschen und Tieren gekommen sei. Sorgfältige Überprüfungen haben jedoch keine erkennbaren Auswirkungen ergeben. Mit unbekümmerter Kritiklosigkeit verbreiten nun östliche wie westliche Medien bebilderte Horrorgeschichten über die gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe in der Sowjetunion, frei nach dem Motto: Es wird schon etwas Wahres dran sein – und das Gegenteil beweist uns allemal keiner.