Von Julia Tugendhat

Wer sich davon überzeugen will, daß England ein Land der Gärtner ist – hochtalentierter und erfinderischer Gärtner wohlgemerkt der muß nur, so wie ich letzten Monat, einen Tag in Chelsea zubringen. Die große Frühjahrsgartenschau der Royal Horticultural Society ist eine der bedeutendsten der Welt und hat dennoch dieses einzigartige nationale Flair. Nicht nur, daß sich die Pflanzen nicht an die Naturgesetze halten, die Besuchermassen tun es auch nicht. Wo sonst, wenn nicht in Chelsea, könnte man 20 000 Leute in ein abgesperrtes Areal pferchen, ohne daß ein Polizist in Sicht wäre!

Einer der Gründe hierfür war meiner Einschätzung nach, als ich mich so unter die friedlich wogende Menge mischte, das Durchschnittsalter, das um die fünfzig oder sogar höher lag, wenn man die pensionierten Soldaten in roter Uniform dazuzählte – die "Chelsea Pensioners" –, die am Stock umherhumpelten. Im großen und ganzen interessiert sich die Jugend nicht fürs Gärtnern, und die Besucher mittleren Alters sind so solide, daß sie sich auch ohne Alkohol und ohne sich wie Rowdies zu benehmen, vergnügen.

Man kann allerdings nicht verschweigen, daß es am letzten Tag, wenn die Pflanzen billig ausverkauft werden, zu einem gewissermaßen kultivierten Gerangel kommt. So sagte ein bekannter Züchter, der nicht namentlich genannt werden möchte: "Ich wundere mich schon lange nicht mehr darüber, daß sich die nettesten Leute unversehens in Lumpenpack verwandeln, die Zunge herausstrecken oder mit Schirmen und Jägerstühlen zustoßen. Gnade Gott dem Züchter, der eine Pflanze weggegeben hat, die er anderweitig versprochen hatte!" Und ein Aussteller, der die Schau dermaßen liebt, daß er sogar einen Teil des Jahresurlaubs mit der Betreuung seines Standes verbringt, vertraute mir an: "Es wird auch einiges geklaut, aber es geschieht auf eine so liebenswerte Art!"

Meine Besichtigungstour führte mich zuerst zu den Schaugärten, auf die Chelsea mit Recht stolz ist. Und es ist schon erstaunlich, daß gerade die Anlage des Daily Telegraph, die den Preis erhielt und als "typisch englischer Garten" bezeichnet wurde, von Arabella Lennox-Boyd, einer Italienerin, entworfen wurde. Sie konzipierte einen "Garten-Raum" mit strengen Eibenhecken, die eine Orgie wilder Rabatten umschließen. Als ich einen Franzosen um seine Definition eines englischen Gartens bat, sagte er schwärmerisch, wobei er die Luft einzog: "Oui, ... der Garten ist für den Engländer das, was das Essen für den Franzosen ist." Eine Deutsche, die ich befragte, antwortete charakteristisch präzise: "Er hat keine bestimmte Form, hier wachsen Unkraut und wilde Blumen."

In dem riesigen Hauptzelt waren die Jahreszeiten verdreht. Der milde Winter und der frühe Sommer hatten es ermöglicht, bei kühler Lagerhaltung Blüten und Früchte gleichzeitig zu produzieren. Man muß die Geschicklichkeit der Züchter bewundern, selbst wenn die Natur karikiert wird. Die Bonsai-Bäume, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen, werden jedes Jahr kleiner. Lange Schlangen bildeten sich vor den Ballerina-Obstbäumen, die ohne Äste gezüchtet wurden, damit sie weniger Platz beanspruchen. Es war recht erfrischend, die Teilnehmerinnen aus Simbabwe, die erstmals ausstellten und die Protea-Goldmedaille gewannen, erzählen zu hören, wie sie die Wüstenfelsen im Hintergrund mit Maschendraht und Gips auf dem Küchentisch gefertigt hatten.

Nachmittags um vier Uhr machte ich eine wohlverdiente Pause im Präsidentenzelt. Hier unterhält Robin Herbert – der Präsident der Royal Horticultural Society – Mitglieder der Königshäuser, Botschafter und andere führende Persönlichkeiten, und eine Militärkapelle spielt dazu. Sogar der Präsident der Bank von England hatte Muße für ein Gurkensandwich. Lord Carrington, früherer Generalsekretär der Nato, der einen der herrlichsten Gärten Englands besitzt, war auf der Suche nach seltenen Pflanzen hergekommen. In diesem Jahr wurde die Gartenschau von Margaret Thatcher eröffnet, die eher an der kommerziellen Seite "dieser kolossalen Industrie", wie sie es nennt, interessiert ist.