Aus dem Zeitalter der Falter

Blickt mich heute ein Pfauenauge, nach taumelndem Flug, mit aufgeschlagenen Flügeln aus vier hingetupften blauen Augen an, so zählt das schon zu den seltenen Augenblicken. Früher schlugen diese Schmetterlinge aus der Familie der Edelfalter auf Blumen und Brennesseln so häufig ihre zarten Flügel auf, daß wir kaum mehr hinschauten. Ach, nur ein Pfauenauge ...

Früher kannten wir uns mit dem bunten Erscheinungsbild und den phantasievollen Namen der Falter so gut aus wie unsere Söhne und Enkel heute mit den Autotypen. Wir staunten darüber, daß einige Wanderfalter nicht einfach so herumflatterten, sondern aus weit entfernten südlichen Regionen und gar Nordafrika einflogen, wie der Distelfalter, die skurrile, dachförmig gebaute Gammaeule und der Taubenschwanz aus der Familie der Schwärmer.

Da gab es Wanderfalter, die mit fünfzig "Sachen" durch die Gegend flogen und hundert Kilometer ohne Pause zurücklegten. Wir schafften mit dem Fahrrad bergab und mit Rückenwind bestenfalls dreißig und legten alle fünf Kilometer eine Rast ein. Auf solchen Ausflügen begegneten uns hundertmal so viele Schmetterlinge wie Autos. So war das Leben im Zeitalter der Falter.

Schmetterlinge regten nicht nur unseren Schönheitssinn an, sie griffen zuweilen auch unangenehm in unsere Freiheit und Freizeit ein. In Konservendosen mußten wir die weichen, leicht pelzigen Raupen des Kohlweißlings Stück für Stück von den Kohlpflanzen sammeln und sie den Hühnern zum Fraß vorwerfen – wohldosiert, damit die Eier nicht "raupig" schmeckten. Auf dem Schloßberg vor der kleinen Stadt pflückten wir die Blätter der selbstgepflanzten und -gepflegten Maulbeerbüsche. Überall im Lande gab es eigens dafür eingesetzte Obleute, die die Raupen des Seidenspinners fütterten, auf daß sie sich brav in Seidenkokons verpuppten.

Ein Hauch von China zog in unser ländliches Leben ein. Die hinterpommersche Seide war keinesfalls zum Feinmachen für unsere Mütter und Schwestern bestimmt; es waren Kriegszeiten, so vieles hing am seidenen Faden. Der, an dem wir bescheiden mitwirkten, ging in die Fallschirmproduktion. Der Marsch in die Maulbeerbüsche sollte uns dem Endsieg näherbringen.

In der Schule wurden wir unmittelbar an der Falter-Produktion beteiligt. In einem Raupenkasten aus Holz und feinem Maschendraht beobachteten wir das "Wunder der Metamorphose", so hieß es im Realienbuch. Hautnah erlebten wir die Wandlung von der Raupe über die Puppe bis zum schlüpfenden: Schmetterling mit.

Und heute? Falterfreuden sind selten geworden. Über sechzig Prozent der Schmetterlingsarten sind der Insektenvernichtung durch chemische Gifte, aber auch der Lust an Hochglanzgärten und Sterilrasen geopfert worden. Dankbar nehmen Schmetterlinge jedoch seit einigen Jahren wieder Wildwiesen und ungemähte Weg- und Feldränder an. Doch auf hundert Autos kommt vielleicht ein Schmetterling. Georg Peinemann