Von Walter Jens

Anweisungen an einen Theaterschneider: "Der Schneider hat zu besorgen: 1.) die Pfoten der Affen dürfen nicht so schlottern. 2.) Es müssen noch ein paar weiße Bärte angeschafft werden. 3.) Die Schuhe der Priester müssen überein seyn und kein schwarzer sich darunter befinden. 4.) Es ist so bald als möglich ein Schwanz für Papageno zu machen nach den Farben des Kleids, dazu muß er die Federn färben lassen und das Gerippe aus schwankenden Fischbein machen."

Kein Zweifel, dominierte in diesen Anweisungen nicht altvorderliche Orthographie, verbunden mit läßlicher Handhabung der Grammatik ... man könnte meinen, ein Ingmar Bergman oder August Everding spornte, kurz vor der Premiere – Mozarts "Zauberflöte" wird gespielt – die Werkstätten zu größerer Sorgfalt an.

Nun, der Theaterdirektor hieß weder Bergman noch Reinhardt noch Iffland, sondern Goethe: ein Geheimrat, der die Intendanz der Weimarer Bühne mit Vergnügen übernommen hatte (wobei er anfangs, um das Publikum nicht allzusehr zu verschrecken, "sehr piano zu Wercke" gehen mußte) und seinen Posten 26 Jahre lang mit Souveränität und großer Beschlagenheit verwaltete, ehe er im Frühjahr 1817 ein Opfer der berühmten Aktrice und Herzogs-Mätresse Karoline Jagemann wurde, die gegen Goethes Veto bei ihrem Hohen Geliebten den Theaterauftritt eines dressierten Hundes durchsetzte.

Seine Exzellenz, Seit an Seit mit dem getreuen Hofrat Franz Kirms, als Impresario und Regisseur, Verwalter des Kartenverkaufs und Logen-Zuweiser, als Kalkulator von Vorhang-Ritualen und Pausen-Längen (was für Musik – und von welcher Dauer! – ist für die Zwischenakte nötig?), als Überprüfer von "brillanten Jagduniformen" für hohe Herren und "nach[t]blauen Schleiern" für Ordensfrauen ... Seine Exzellenz, der Theatermann, gewinnt in den von Paul Raabe edierten drei Nachtragsbänden (Text, Kommentar, Index) zur Briefkollektion der Weimarer Ausgabe ebenso Anschaulichkeit wie der Bibliotheksverwalter, Universitätslenker, Kartographenmeister, Bergwerkskenner, Wegebaupräsident, Ordner von Sammlungen aller Art, Antiquitätenbeschaffer, Architekt, Unternehmer, Hausvorstand, Oberzensurrat (in übertragenem Sinn), Privilegieneintreiber, Einkäufer en gros et en détail.

So belanglos der einzelne Brief sein mag mit seinen Befehlen, Papier, Obst und alkoholische Getränke preisgünstig und schnell zu erstehen; so austauschbar manche Wendungen sind, eine Einladung zum Mittagstisch oder zum Familienmahl, dem ein Gast beiwohnen möchte – so faszinierend lesen sich diese 1020 Schriftstücke, die seit 1912 bekannt wurden (also in der Weimarer Briefausgabe keine Aufnahme fanden), in ihrer Gesamtheit. Gewiß, da ist viel Bekanntes und längst Kommentiertes darunter, die Briefe des von Herrnhuter Brüdern umgebenen jungen Mannes an Freund Langer zum Beispiel, die man bei Karl Robert Mandelkow bequem nachlesen kann; auch das 1962 von Andreas Flitner edierte Schreiben vom 22. August 1806 an Wilhelm von Humboldt, das Paradestück der Nachlese, steht bereits im Anhang der Hamburger Ausgabe. Nein, der Reiz des Neuen beruht nicht auf dem Glanz herausgehobener Konfessionen, sondern auf der Normalität von Alltagsäußerungen, deren Summe einen Mann bei der Arbeit zeigt, der liebestolles Genie, moroser Greis, herablassender Regent und hinreißender Plauderer sein konnte, aber zunächst einmal, mehr als vierzig Jahre lang, verläßlicher Beamter, ein höchst korrekter Vorgesetzter von Untergebenen war, die er von früh bis spät mit Geschäften aller Art in Tätigkeit hielt.

Diesem Mann, das zeigen die Briefe, Noten und Zettel mit gebotener Deutlichkeit, konnte niemand etwas vormachen: Goethe wußte besser als die Spezialisten, was die Welt im Innersten zusammenhält – besser als alle Schneider, Mechaniker, Büchereigehilfen oder Kanzlisten, die von ihm in Marsch gesetzt wurden. Mag der Weimarer Theater-Stil in toto auch höchst steifleinen geraten sein – ein bißchen viel Versailles und sehr wenig Stratford on Avon –, der Mann, der diesen Stil geprägt hat, war gleichwohl ein Bühnenpraktiker, der als Vorleser, Einweiser und Requisiteur die Theater-Feinheiten mit einer Bravour beherrschte, daß man glauben konnte, er stamme nicht aus Racines Schule, sondern habe bei Reinhardt – oder bei Brecht! – gelernt: "An der Grabesthüre" – Regieanweisung für eine "Romeo und Julia"-Aufführung! – "wäre das Brecheisen sachter niederzulegen, wenigstens dergestalt, daß das obere Ende schon die Erde berührt, wenn das untere aus der Hand losgelassen wird."