Von Ludger Lütkehaus

Man kann sein Leben als Lehrstück auf die Gerechtigkeit der historischen Nemesis deuten, die ihn nach den Grundsätzen des Auge um Auge, Kopf um Kopf am Ende dorthin brachte, wohin er die Gegner der Revolution gebracht hatte: aufs Schafott. Oder man kann es als den Prozeß einer unaufhaltsamen Radikalisierung verstehen, als den Lebenslauf eines Mannes, der konsequent mit allem brach, was sich als vorrevolutionäre Erblast oder als Konterrevolution der neugewonnenen Freiheit entgegenstellte. Auf jeden Fall sind nur wenige Charaktere der Revolution so umstritten wie der "Marat von Straßburg", der entsprungene Franziskanermönch Eulogius Schneider.

Die Liste seiner Feinde umfaßt Konservative wie Jakobiner, Großbürger wie Kleinbürger, Deutschnationale wie französische Patrioten, kirchentreue Katholiken wie aufgeklärte Verehrer des etre supreme. Das Register seiner Sünden verzeichnet Frivolität, Hoffart, Blasphemie und Apostasie. Der Steckbrief seiner Verbrechen schließlich legt ihm Massenmord, Spionage, Hochverrat, Selbstbereicherung und Erpressung neben konstanter Subversion zur Last.

Bei etwas ruhiger Betrachtungsweise wird man allerdings nicht bestreiten können, daß sich nur selten ein individueller Lebensimpuls so eng mit der Emanzipationsbewegung einer ganzen Epoche verbunden hat. Und liest man die Dokumente, die Pamphlete, die Apologien, nicht zuletzt Schneiders eigene Schriften neu, so zeigt sich eine faszinierende Gestalt.

Johann Georg Schneider, der sich von seinem Eintritt in den Franziskanerorden bis zu seinem Tode "Eulogius", "der Wohlredende", nannte, wurde am 20. Oktober 1756 im fränkischen Wipfeld geboren. Seine Eltern waren Weinbauern, Häckslersleute und nur an Kindern reich. 1768 erhält der offenbar talentierte Junge durch Vermittlung eines Geistlichen eine Freistelle am Jesuitengymnasium des Fürsterzbistums Würzburg. "Begabung" heißt unter diesen sozialen und religiösen Bedingungen "Berufung"; Berufung zu spüren ist das Entrée für den Ausgang aus unverschuldeter Abhängigkeit.

Der Konflikt zwischen Pflicht und Neigung läßt denn auch nicht lange auf sich warten: 1771 schreibt sich der Sechzehnjährige anstelle von Theologie für Philosophie und Juristerei an der Würzburger Universität ein. Statt Scholastik zu exerzieren, studiert er die zeitgenössische deutsche Literatur. Und die Kirchenväter machen den Protagonisten der Aufklärung Platz – allen voran Rousseau.

Die Quittung folgt alsbald: 1775 wird dem Studenten das kirchliche Stipendium entzogen: Wer nicht richtig – und vor allem nicht das Richtige – lernen will, der muß selber zahlen. Es ist der erste Rauswurf in dieser an Rauswürfen überreichen Lebenskarriere. Und um das Maß vollzumachen, zeigt der Exkandidat so wenig tätige Reue, daß er wenig später auch noch aus seiner fränkischen Heimat ausgewiesen wird. Vielleicht ist er – Vorstufe des Rhetorikers und Predigers – der Schauspielerei nachgegangen, auf jeden Fall aber hat er sich eines "liederlichen Lebenswandels" schuldig gemacht.