Am Grunde der Moldau wandern die Steine das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine", reimte der Dichter Brecht, und recht hatte er. "Gorbi! Gorbi! Jetzt müßte noch die Mauer fallen", kreischte Bild am 14. Juni 1989, und – wer hätte es auch nur ahnen können? – Gorbi stieß in die große Posaune, die Mauer fiel. Wir können es immer noch nicht fassen, Bild kann es nicht fassen (auf den Tag ein Jahr danach), es ist unfaßbar schlechthin: wie Gorbi jeden Wunsch von Bild erfüllt und jetzt die Mauersteine wandern!

Gefaßt dagegen wurde Inge Viett, die "raffinierte Schlange der RAF", wie BtW-Schreiber Klaus-Peter Reif unter selbigem Datum vom 14. Juni 1990 auf der Titelseite vermeldet, und auf Seite 2 erfahren wir dann auch Näheres. Da erfahren wir, was wir schon immer über die Terroristin Inge Viett wissen wollten: "Busen hat die keinen." Das sagt nicht Bild, das sagen nur "Männer", die Bild wohl gefragt hat, und natürlich gibt es auch ein Photo als Beweis. Es zeigt ein Mädchen, das Inge Viett sein soll, "Bluse offen, Hose offen", wie Bild genau erläutert. Ganz klar: Das "war keine Frau, nach der sich Männer umschauten. X-Beine und Watschelgang, die Figur knabenhaft, die Hände so breit und ungepflegt. Aber an Männern", so werden wir informiert, "war Inge Viett (46) sowieso nie interessiert."

Von "Nachbarn" aus Magdeburg hat man denn auch gehört, daß sie dort "regelmäßig Besuch bekam", und zwar "von einer Frau, etwa 45, dunkle Haare, dicklich" – eine heiße Spur, der natürlich sofort nachgeschnüffelt wird ... Und drei Tage später lesen wir es in "Bild am Sonntag exklusiv": alles über "Die Freundin der lesbischen Terroristin".

Schwachsinn wird durch Bild erst schön, haben wir uns oft gesagt und oft gelacht, auch an dieser Stelle. Aber diesmal bleibt uns der Spott im Halse stecken. Jedem seinen Feind, sein Feindbild – doch wie hier noch nachgegrapscht und nachgetreten und gehetzt wird, jetzt, da der gehaßte Gegner längst, längst am Boden liegt: Das ist schon einsam das Letzte!

Ja, alles hat sich geändert, Mauern fallen, Armeen lösen sich auf, Kamerun schlägt Argentinien ... Auf nichts kann man sich mehr verlassen. Nur auf eins: auf Bild. Denn die Bild- Zeitung des großen Axel Cäsar Springer ist geblieben, was sie immer war: Dreck. Finis