The prologues are over It is a question, now, Of final belief (Wallace Stevens Asides on the Oboe)

Wir haben Reiche stürzen sehen binnen weniger Wochen Menschen, Orte, Gesinnungen und Doktrinen, von einem Tag auf den anderen aufgegeben, gewandelt, widerrufen Das Unvorhersehbare hatte sich sein Recht verschafft und zerschnitt das scheinbar undurchdringliche Geflecht von Programmen und Prognosen, Gewöhnungen und Folgerichtigkeiten Es belehrte alle, daß es der Geschichte sehr wohl beliebt, Sprunge zu machen, ebenso wie der Natur

Obgleich in diesem Zusammenhang keine Partikel häufiger verwendet wurde als die Vorsilbe "wieder", ging es doch am allerwenigsten um Wiederherstellung oder Wiederkehr Was geschah, besaß vielmehr etwas von jener Ereignishaftigkeit, die man in den biologischen Wissenschaften mit dem Ausdruck "Emergenz" bezeichnet Etwas Neues, etwas, das sich aus bisheriger Erfahrung nicht ableiten ließ, trat plötzlich in Erscheinung und veränderte das "Systemganze", in diesem Fall die Welt

Die Revolution, die stattfand, oder eben die emergente Summe von vielerlei Druck- und Widerstandsformen, mußte von Anfang an als ein Aufbruch ins Bestehende, in den Westen, gelten, und seine Dynamik wird sich in der Regulierung von Synchronisationen und Nachholbedarf erschöpfen Doch über das Bewußtsein vieler Betroffener kam der letzte Herbst als ein Trugbecher und beendete mit bitteren Einsichten einen langen, mehr oder weniger dornigen Dornröschenschlaf Die letzte Rache des gestürzten totalitären Regimes war denn auch die totale Entlarvung, die negative Offenbarung einer verfehlten, weltlichen Soteriologie Alles falsch von Anbeginn’

Die westliche Welt hatte vermutlich im Osten seit langem keine überzeugten Gegner mehr Die uneingeschränkte Konkurrenzlosigkeit ihrer inneren und äußeren Lebensformen konnte sich in Zukunft gewissermaßen gegen ihr eigenes Prinzip, ihre antagonistischen Bedurfnisse wenden und dazu fuhren, daß man die notige Ersatzspannung zwischen anderen Polen schafft, oder aber, daß Polantat überhaupt nur in metapolitischen Dimensionen neue Bedeutung gewinnt

Soziale Demokratien brauchen keinen Heilshorizont Viel eher der einzelne Freie, das aufgerichtete Bewußtsein wird seiner bedürfen Viele werden erst lernen müssen, daß vom Reichtum an aufwärts die Not beginnt Die Not, überzeugt zu sein, ohne Praxis und Lehre einer machtvollen Diesseits-Religion und vor allem ohne die moralischen Sondervergütungen eines glaubigen Ketzertums Schließlich erscheint es nicht mehr unmöglich, daß der Zusammenbruch von Weltanschauung auch die Entmischung der weltlichen von den verweltlichten heiligen Dingen vorantreibt und daß aus dieser Scheidung die endliche Säkularisierung des Sakularen einerseits und ein "geläutertes" Erwarten andererseits hervorgehen

"Was wurde geschehen, wenn wir unsere Schulden gegenüber der Theologie und der Metaphysik bezahlen mußten?Was wäre, wenn die dem Glauben entnommenen Anleihen an Transzendenz, die wir seit Plato und Augustinus hinsichtlich bedeutungserfullter Formen erhalten haben, fällig wur den? Was wäre, wenn wir die Annahme explizit machten und konkretisieren mußten, daß alle ernst zu nehmende Kunst und Literatur, und nicht nur die Musik, auf die Nietzsche diesen Begriff anwendet, ein opus metaphysicum ist?"