Der Tod war seit langem sein Begleiter. Denkend, auf langen Spaziergängen die Natur betrachtend, meditierend, schreibend, hat Joachim Günther sich auf den Tod vorbereitet: "Wer die Welt und das Leben allmählich versteht – es dauert lange – kriegt in gleichem Maße genug davon."

Der Satz steht in dem Band mit Aphorismen, den Joachim Günther 1976 herausgegeben hat unter dem Titel "Findlinge". Ein Findling, wie die "Brockhaus-Enzyklopädie" definiert: "ein erratischer Block, ein Gestein weit entfernter Herkunft", war dieser Schriftsteller in der literarischen Gesellschaft der Bundesrepublik seit langem. Im Cliquen-Wesen ein Einzelgänger.

Deutlichstes Zeichen seines Wesens und seiner Art, die Welt, die Gesellschaft, die Literatur kritisch zu beobachten, ist die Ein-Mann-Zeitschrift Neue Deutsche Hefte. Die ersten acht Jahrgänge der 1954 von Bertelsmann gegründeten Zeitschrift hat Günther noch mit Paul Fechter, dann mit Rudolf Hartung herausgegeben. Seit 1966 hat der Autor als Kleinstverleger die Hefte als Vierteljahresschrift in seiner Wohnung am Kindelbergweg in Berlin-Lankwitz selbst ediert, redigiert, verpackt – und mit vielen Pseudonymen oft auch selber geschrieben. Ein anregender, ein oft zum Widerspruch herausfordernder Autor.

Widerspruch liebte der streitbare Mann, nachdem er sich in seinen national-konservativen Erwartungen von den Nationalsozialisten getäuscht fand. So war es wie ein Neuanfang, daß der ehemalige Student der Philosophie, Kunst- und Literatur-Geschichte nach dem Krieg noch Theologie studierte. Den Krieg hat er kennengelernt in seiner schlimmen Not – als Sanitäter in einem Lazarettzug. Davon spricht sein Kriegstagebuch 1944/45 "Das letzte Jahr".

Der stark konservativ geprägte Mann war dann, durchaus kein Widerspruch, ein "Grüner" vor der grünen Bewegung. Mit wachen Sinnen streifte Günther durch das von Mauer und Stacheldraht eingeengte West-Berlin – und konnte bald nur noch von Verlusten berichten. Seine "Berliner Spaziergänge" (1982) sind, wie sein Buch über Ferien am Meer, "Seestücke" (1985), reizvolle Mischungen von Kurz-Essays, genauester Beobachtung, subtiler Beschreibung, mit Ausblicken in Erdkunde, Pflanzen- und Tierleben. Günther hatte einen tief dringenden Blick. Unvergeßlich manche seiner Nachrufe, die von scheinbar Nebensächlichem, Äußerlichem (etwa dem Kinderkopf Adornos) einen Mensch und seinen Charakter zu erschließen vermochten.

Bei allem Ernst war dieser Mann mit seiner an den Wandsbecker Boten des Matthias Claudius, an Die Fackel von Karl Kraus erinnernden, von ihm geprägten Zeitschrift Neue Deutsche Hefte ein dem intellektuellen Spiel zugewandter Mensch. Rätsel liebte er, Aphorismen, Definitionen – weniger der orthodoxen als der witzig-paradoxen Art. Jetzt wird eines seiner "Rätsel" für ihn wahr: "Traurig senkt man ihn zur Erden. / Umgedreht! / Leid vergeht, / kommt hervor ein grünes Werden." Die Auflösung: das von vorn nach hinten, von hinten nach vorn jeweils anders zu lesende Wort: Sarg – Gras.

In dem Augenblick, da die geographische Isolation des Westberliners, der am 13. Februar 1905 als Sohn des Bürgermeisters in Hofgeismar geboren wurde, sich auflöst in ein ihm noch vertrautes, größeres Deutschland, ist Joachim Günther in Berlin-Lankwitz gestorben, 85 Jahre alt. R. M.