Von Ulrich Greiner

Das Kolloquium zum Thema "Kulturnation Deutschland", das der Bertelsmann-Konzern kürzlich in Potsdam veranstaltete, hat den verheißungsvollen Begriff der Kulturnation derart ins Zwielicht gesetzt, daß man das Fürchten bekommt. Es zeigt sich, daß es gerade noch die deutsche Grammatik ist, die prominente Intellektuelle der DDR mit der Kultur der Bundesrepublik verbindet. Zwischen den Denkmustern, Mentalitäten und historischen Erfahrungen stehen Mauern, die einzureißen mehr Mühe kosten dürfte, als die jetzt begonnene Beseitigung der Mauer in Berlin.

Diese Potsdamer Konferenz war beladen mit hohen Absichten, mit tiefer Symbolik. In der Mitte des Saales im Schloß Cecilienhof stand der große runde Tisch, auf dem Truman, Attlee und Stalin am 2. August 1945 das Potsdamer Abkommen unterzeichnet und die Teilung Europas besiegelt hatten. Jetzt hatte man, vermutlich der Mikrophonkabel wegen, den Boden des Saales durch Podeste angehoben, mit rotem Teppich belegt und darauf die Konferenzmöbel installiert. So wirkte der historische Tisch, als hätte man ihm die Beine abgesägt, als versänke er, Zeugnis einer untergehenden Epoche, zusammen mit den drei Wimpeln der Siegermächte in Grund und Boden.

Und die Deutschen aus Ost und West, prominente Politiker wie Willy Brandt, Kurt Biedenkopf, Markus Meckel oder Friedrich Schorlemmer, Schriftsteller wie Christa Wolf, Stefan Heym, Walter Jens oder Günter de Bruyn, daneben ein paar ausländische Gäste und jede Menge Vertreter der Medien: Sie alle redeten zueinander über diesen versinkenden historischen Ort hinweg, als wäre die neue Zeit schon gesichert, als wäre die Einheit schon die Einigung, als könnte der Abgrund durch komfortable Konferenztechnik und wohlmeinende Diskussion überbrückt werden.

Welch bertelsmännische Vermessenheit, einen solchen Ort, diese düstere, mit Eichenholz getäfelte wilhelminische Halle, zum Schauplatz eines kalkulierten Spektakels zu machen! Das Kalkül ging insofern auf, als es eine kontroverse, nervenzerreißende Debatte gab. Es ging insofern nicht auf, als deutsche Vergangenheiten der tristesten Art die Verständigung behinderten.

Der Bericht über diese Tagung macht Bemerkungen in eigener Sache unvermeidlich. Sowohl die ZEIT-Kontroverse als auch Frank Schirrmachers Essay in der FAZ über Christa Wolfs neue Erzählung "Was bleibt" waren zeitweise Gegenstand heftiger Attacken. Walter Jens sprach von "Jagdszenen", unterstellte den "naßforschen" Kritikern "Spruchkammerdenken". Christa Wolf nannte die Kritik eine "bewußte, gezielte Demontage" und sagte, "solche Wut, solche Aggression, solchen Haß und solche Häme" finde sie erschreckend: "Ich bin noch nie, mit zwei Ausnahmen im Neuen Deutschland, einer solchen Hetzkampagne ausgesetzt worden." Friedrich Schorlemmer sprach von "Denunziation", und Stefan Heym setzte auf all dies den Punkt, indem er sagte: Er sei amerikanischer Nachrichtenoffizier gewesen und wisse daher, wie man solche Hetzkampagnen steuere. Das mag wohl sein.

Tatsache ist, daß Christa Wolf eine neue Erzählung veröffentlicht hat und daß zum Zeitpunkt des Potsdamer Treffens vier Texte dazu in drei westdeutschen Zeitungen erschienen waren: ein Verriß in der FAZ, eine Verteidigung Christa Wolfs in der Frankfurter Rundschau, ein Pro und Contra in der ZEIT. Das also nennen Jens und die Gesinnungsfreunde eine Kampagne.