Haben sich seine Ideen uberlebt, war sein Kampf vergeblich "Der Heros ist abgetreten", resümiert der Autor, "der Nimbus verblaßt" Aber so ganz will Hans-Eckehard Bahr seiner eigenen Melancholie nicht vertrauen Er ist vor vielen Jahren eine Strecke Weges mit Martin Luther King gegangen, hat gemeinsam mit ihm gelitten und gehofft Wenn er dem Reformator Amerikas jetzt ein Buch widmet, dann führte ihm gewiß nicht bloß Resignation die Feder, sondern auch die Hoffnung, eine wichtige Erinnerung aufzufrischen Bahrs Befürchtung, King werde in seinem Heimatland nur noch als sanftmutiger Apostel gefeiert, als eine Art Onkel Tom für die postliberalen Stande, laßt sich vieles entgegenhalten Vor allem in Amerika, aber auch anderswo wirken (und sei es bloß an dem ihm gewidmeten Feiertag) die Bilder des Kampfers, des unerschrockenen Burgerrechtlers, umgeben vom weißen Mob oder im Gefängnis, immer noch nach Seine Washingtoner Rede vom Sommer 1963 – "endlich frei, endlich, Gott, Du Allmächtiger, wir sind endlich frei" – bleibt im Ohr Selbst wenn ihn manche Landsleute zu einer schwarzen Disney-Figur stilisieren mochten, für alle, denen Toleranz und Gerechtigkeit am Herzen liegen, bleibt King einer der großen Beweger dieses Jahrhunderts Bahr geht es nicht darum, den Lebensweg des Burgerrechtlers noch einmal in allen Einzelheiten nachzuzeichnen Er will vielmehr die Leistung dieses Mannes anhand besonders wichtiger Lebensstationen (teilweise auch mit Bildern dokumentiert) darstellen, er versucht, das Vermächtnis des sanften Helden aus Amerikas Süden in sich und anderen zu finden Der Verfasser beschreibt keine unangreifbare Legende, sondern einen Menschen mit seinen Schwachen und in seiner häufigen Ratlosigkeit Leitmotiv des Buches ist Kings "Handeln ohne Gewalt", seine Form des Pazifismus, die "die Niederlage des Gegners, also seine Demütigung, vermeidet und ihm keine Vernichtung zufugt", die "dem sozial Ohnmächtigen und Entrechteten ein neues Gefühl der Wurde gibt"

Nur vermuten konnte Hans-Eckehard Bahr beim Verfassen des Buches, wie lebendig die Vorstellungen seines Helden heute noch sind "Die Gewaltlosigkeit, das Mittel, von dem sich der Schwarze Rettung verspricht", zitiert er King, "kann zum Rettungsmittel in äußert verzweifelter Not für die gesamte Menschheit werden " Wie recht der schwarze Friedensnobelpreisträger hatte, hat sich beim friedlichen Umbruch in Osteuropa gezeigt Unter den friedlichen Demonstranten in Leipzig oder Prag hatte sich Martin Luther King zu Hause gefühlt D B

  • Hans-Eckehard Bahr:

Seht, da kommt der Traumer

Unterwegs mit Martin Luther King, Kreuz Verlag, Stuttgart 1990, 72 S.‚ 24,80 DM