Von Gerd Walter

Mitte der fünfziger Jahre äußerte die SPD tiefe Skepsis gegenüber der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Die Gründe dafür waren ehrenwert, die Folgen aber einschneidend: Dreißig Jahre hat die Partei danach gebraucht, sich vom antieuropäischen Stallgeruch zu befreien. Die CDU erhielt, frei Haus und den europäischen Traditionen der Sozialdemokratie zum Trotz, das Etikett der Europa-Partei. Heute macht sich die SPD nur schwerfällig daran, der Union den Titel der Deutschland-Partei streitig zu machen.

Innerparteiliche Hahnenkämpfe spielen dabei noch die geringste Rolle. Das Hin und Her um den Staatsvertrag, die quälende Deutschland-Debatte vor dem Berliner Bundesparteitag, die überflüssige Auseinandersetzung über die Vereinigungs-Alternativen nach Artikel 23 oder Artikel 146 und die unfruchtbare Kontroverse über eine so oder so unvermeidbare Währungsunion zeigen vor allem eines: Nation und Nationalstaat sind für viele Sozialdemokraten Begriffe aus einer fremden Welt.

Nicht wenige halten sie für ein reaktionäres Relikt, geboren in "nationaler Besoffenheit", störend für das viel wichtigere Europa. Dieser Einschätzung liegen folgenschwere Irrtümer zugrunde: Die deutsche Einheit ist genausowenig antieuropäisch wie nationales Denken eine konservative Erfindung. Das an sich richtige Bekenntnis zu Europa darf nicht zur faulen Ausrede mißraten, hinter der sich ein gestörtes Verhältnis zum Nationalen versteckt.

Nationales und europäisches Denken müssen, zum ersten Mal in der Geschichte Europas, nicht mehr gefährlich gegeneinander stehen. Im Zeitalter des Welthandels, menschheitsgefährdender Waffensysteme und einer grenzüberschreitenden Umweltkatastrophe sind die Nationalstaaten Europas zu Zusammenarbeit und Integration verdammt. So paradox es klingt: Je schneller die gemeinsame Selbstbehauptung der Europäer politisch, ökonomisch und kulturell gelingt, desto besser können nationale Identitäten in Europa bewahrt und entwickelt werden.

Auch die Revolutionen in Osteuropa haben, ohne daß die Gefahr des Nationalismus schon gebannt wäre, zweierlei hervorgebracht: neuen Nationalstolz und die Wiederentdeckung Europas. Die wiederentstandene ČSFR eines Václav Havel ist alles andere als gegen Europa gerichtet. Und die neue deutsche Republik muß es auch nicht sein. Im Gegenteil: Je unbefangener die Deutschen ja zu Deutschland sagen können, desto überzeugter wird auch ihr Ja zu Europa sein. Je mehr aber ihr Ja zu Deutschland als antieuropäisch verdächtigt wird, desto anfälliger werden sie für ein Nein zu Europa. Nationale Identität muß eben nicht antieuropäisch, sondern kann eine Voraussetzung eines organisch wachsenden europäischen Bewußtseins sein.

Das gilt auch für die Deutschen. Schneller als manche hierzulande haben unsere Nachbarn das begriffen. Nicht die deutsche Einheit, sondern ein verewigter nationaler Minderwertigkeitskomplex der Deutschen wäre ein Dauerproblem für Europa. Viel wird davon abhängen, wie sich das neue Nationalgefühl der Deutschen entwickelt. Je weniger die SPD sich darum kümmert, desto leichter hat es die nationalistisch gefärbte Deutschtümelei.