Gehören die Niederlande zu Europa?

Am Beispiel unserer Nachbarn: Was mit "Europa" ursprünglich gemeint war

Von Rudolf Walter Leonhardt

Heute bauen die Politiker "europäische Häuser", als wären sie auf Konjunktur versessene Architekten. Heute erscheint "Europa" zuweilen als ein Verein, dem man nach Belieben beitreten, aus dem man auch wieder austreten kann. Heute wird der Anschluß Österreichs an die Europäische Gemeinschaft abgelehnt in einem Atemzuge mit dem Anschluß der Türkei, und doch war das Habsburgische Reich jahrhundertelang der Mittelpunkt, war das Osmanen-Reich jahrhundertelang der Erzfeind Europas. Heute spricht man von einer Öffnung Europas nach Osten, als ob es vom guten Willen der EG-Staaten abhinge, wie "europäisch" Polen ist.

"Europa" ist rational beliebig interpretierbar geworden und hat seine emotionale Anziehungskraft verloren. Da ist Rückbesinnung immer wieder angebracht, Rückbesinnung darauf, was mit "Europa" ursprünglich gemeint war: Europa ist eine 2000 Jahre alte Zivilisation, die entstanden ist aus der Verschmelzung von griechisch-römischer Antike und christlicher Religion und die geformt worden ist durch Humanismus und Aufklärung.

Wir wollen aus der grauen Theorie ins grüne Leben flüchten, indem wir fragen: Gehören (zum Beispiel) die Niederlande zu Europa?

Von den römischen Armeen, die auch das Christentum nach Norden trugen, wurden die Niederländer nur am Rande berührt. Sie wußten noch nicht, daß sie "Niederländer" sind. Noch heute bezeichnen viele, auch Niederländer, das Land als "Holland". Das hat seine Berechtigung, da die zivilisatorischen Zentren alle in Holland liegen, den beiden größten Provinzen des Landes, die auch historisch die wichtigste Rolle gespielt haben: Amsterdam, Den Haag, Leiden, Utrecht, Rotterdam, Dordrecht. Und die Städte mit ihren Regenten waren ja in der holländischen Geschichte mindestens so wichtig wie die Staaten (Provinzen) mit ihren Statthaltern. Wer jedoch die Bewohner der anderen Provinzen nicht kränken will, vor allem die Friesen im Norden nicht und nicht die Limburger im Süden, befleißigt sich, von "den Niederlanden" zu reden.

Auskunft bei Tacitus

Gehören die Niederlande zu Europa?

Die ausführlichste Auskunft über den ersten Auftritt der Niederlande im europäischen Theater gibt der römische Schriftsteller Tacitus in seinem Werk "Germania". Immerhin sind einige niederländische Städte zweifellos römischen Ursprungs, so wie Utrecht (Traiectum inferius), Maastricht (Traiectum ad Mosam) und Nimwegen (Noviomagum Oppidum).

Bei Tacitus nun werden die Niederlande bevölkert von den Batavern und von den Belgern. Daß die Niederländer sich die Bataver als Urväter auserkoren (also zum Beispiel ihre ostindische Kolonie Batavia genannt) haben und ihren südlichen Nachbarn die Belg(i)er überließen, stützt sich auf Legenden eher als auf exakte historische Daten.

Fazit: Die Niederländer gehören zum römischen Europa, wenn auch nur am Rande. Die Friesen zum Beispiel, um die Stadt Leeuwarden herum, wurden von den Römern und ihrem Christentum sowenig tangiert wie ihre Nachbarn in Deutsch-Ostfriesland, mit denen sie auch die (Holländern unverständliche) Sprache gemeinsam haben und die kennzeichnenden Eigennamen auf -a, wie Huizinga und Kingma.

Sehr fest verwurzelt im Christentum waren die Niederländer ebensowenig wie ihre norddeutschen Nachbarn. Das änderte sich erst nach der Reformation. Da die katholischen Spanier von 1527 an mit Hilfe der katholischen Kirche eine ungeliebte Herrschaft ausübten in Utrecht wie in Antwerpen,

bot sich die reformierte Kirche an als Träger der niederländischen Freiheitsbewegung. Daß die Reformation in den Niederlanden nun gerade in der Form des Calvinismus sich durchsetzte, war Zufällen ebenso zuzuschreiben wie einem immer problematischen "Nationalcharakter".

Die von dem Genfer Franzosen John Calvin (1509 – 1564) begründete Variante des Protestantismus bot sich offenbar an als Medium des Weltverständnisses für eine vom Handel lebende Nation. Sie setzte sich deswegen in der Schweiz wie im deutschen Südwesten wie in Großbritannien zeitweise durch. Es hat wohl etwas ungemein Geschäftsbelebendes, sich ohne Verpflichtung zu "guten Werken" von höherer, von außerirdischer Instanz prädestiniert zu fühlen zu irdischem Erfolg. Und den hatten die Holländer ja, ein ganzes "goldenes Jahrhundert" lang, etwa von 1570 bis 1670 – wie spannend nachzulesen ist in dem Buch des friesischen Amerikaners Simon Schama, "The Embarrassment of Riehes", dem auch dieses Referat manches verdankt.

Aber war, oder ist gar, Holland deswegen ein Land des Calvinismus, der nüchternsten und sittenstrengsten Form des reformatorischen Puritanismus? Wie käme es dann, daß – wenn wir die Zeugnisse richtig deuten – in keinem anderen europäischen Land so viel gefressen, gesoffen, gequalmt und gehurt wurde wie in Holland? Wie kommt es, daß Holland während der letzten 500 Jahre sich als der toleranteste Staat Europas erwiesen hat? Wie kommt es, daß dieser Calvinismus so sang- und klanglos untergegangen ist? Denn, nicht wahr, südlich von Skandinavien sind heute in keinem Lande Europas christliche Kirchen so leer und so überflüssig, deswegen zum Teil auch zweckentfremdet, wie in Holland. Jeder Spaziergang durch Amsterdam kann das lehren. Wie kommt es schließlich, daß in der jüngsten Bevölkerungsstatistik am zahlreichsten die doch angeblich so verhaßten Katholiken vertreten sind (36,2 Prozent), dicht gefolgt von den in keinem anderen Land so öffentlich ausgewiesenen Atheisten und Agnostikern (34,7 Prozent)? Die Protestanten, keineswegs alle Calvinisten, kommen erst auf Platz drei (26,4 Prozent). Und schließlich war das Land der calvinistischen Bilderstürmer zur gleichen Zeit ja auch das Land der großen Maler, die religiöse Themen durchaus nicht scheuten: Frans Hals (1585 – 1666), Rembrandt van Rijn (1606 – 1669), Jan Vermeer (1632 – 1675).

Gehören die Niederlande zu Europa?

Jedenfalls waren die Niederländer in der Geschichte des europäischen Christentums 300 Jahre lang heftigst engagiert. Nicht nur engagiert, sondern führend waren sie, wo es um das Formen europäischen Geistes durch Humanismus und Aufklärung ging; denn der nordeuropäische Humanismus, unabhängig von der italienischen Renaissance, ist schwer vorstellbar ohne Erasmus von Rotterdam (1469 – 1536), und als erster Philosoph der Aufklärung muß neben René Descartes Baruch de Spinoza (1632 – 1677) gelten. Erasmus hat es wie kein anderer verstanden, Griechentum und Christentum zusammenzudenken zu einer Basis menschlichen Verhaltens, das später als "Humanismus" bezeichnet wurde, eines Humanismus, der ohne klassische Antike und ohne devotes Christentum nicht möglich gewesen wäre.

Was Erasmus für den Humanismus war, war Spinoza, dieser "edelste und liebenswerteste der großen Philosophen" (Bertrand Russell), für die Aufklärung, jenen wiederum eigentümlich europäischen Versuch, "menschliches" Verhalten von "christlichem" Verhalten zu lösen und es auf Vernunft zu gründen.

Da ist der Einwand zu hören: Aber Erasmus und Spinoza waren doch gar nicht wirklich Holländer. Wahr ist, daß es Erasmus, zweifellos als Holländer geboren, nie lange in seiner Heimat gehalten hat, daß für seine Entwicklung Frankrech, England, Italien, Deutschland und vor allem die Schweiz wichtiger waren. Wahr ist auch, daß Spinozas Herkunft jüdisch-portugiesisch ist – webei er nun wieder in Holland geboren wurde, in Holland gestorben ist, Holland nie verlassen hat.

Das gerade ist, oder vielmehr war, Europa: ein Kulturkreis, in dem freie Geister sich frei belegen, in dem alle Gebildeten sich in ihrer Lingua franca, dem Lateinischen, verständigen konnten (Spinoza schrieb zeitlebens kein einwandfreies Niederländisch). Notfalls lernte man aber auch die Sprache des Nachbarn. So wurde ein van Gogh zum großen europäischen Maler erst, als er das Licht der Provence erblickt hatte, und ein Ludwig van Beethoven gar bedurfte offenbar des deutschen Ambiente, um das zu werden, was es in Holland nicht gab: ein musikalisches Genie. Niederländer haben einen überproportional großen Beitrag geleistet zur Welterkundung, zur Philosophie, zur bildenden Kunst, zur Naturwissenschaft: Musikalisch waren sie, darin, und nicht nur darin, den Engländern verwandt, eher unergiebig.

Das ist insofern wichtig, als Musik ja inzwschen die einzige überall in Europa verständliche Sprache ist, nachdem das Latein törichterweise aufgegeben wurde, weder das Französisch der Diplomaten noch Esperanto sich haben durchsetzen können und ein Basic English sich als sehr brauchbar für den internationalen Flugverkehr und für Computer erwiesen, sich dabei aber von der Sprache Shakespeares und Shaws barbarisch weit entfernt hat.

Der holländische Jude Spinoza legt einen Querverweis nahe: Europa ist nicht vorstellbar ohne seine Juden. Zwar waren sie während der ersten tausend Jahre europäischer Geschichte so gut wie unsichtbar, aber sie waren dennoch allgegenwärtig durch das Alte Testament. Im zweiten europäischen Jahrtausend tauchten sie auf aus dem arabisch-spanisch-portugiesischen Süden wie aus dem slawischen Osten. Und von da an wurde es zu einer wichtigen Frage an die Völker Europas: Wie haltet ihr es mit den Juden?

Wie hielten es die Niederländer? Weder die in ihrem Alltag wie in ihrer Kunst offensichtliche Präsenz des Alten Testaments noch ihre Bereitschaft, zum Beispiel viele portugiesische Juden (Sephardim), später auch Juden aus dem Osten (Aschkenasim) aufzunehmen, können als Annäherung verstanden werden. Das auserwählte Volk waren die Holländer schließlich selber, solange derlei im 18. und vor allem im 17. Jahrhundert eine Rolle spielte. Dennoch schneidet niederländische Toleranz im europäischen Vergleich gut ab. Ein Spinoza hatte von orthodoxen Juden mehr zu leiden als von calvinistischen Bürgern.

Gehören die Niederlande zu Europa?

Wenn calvinistisches Christentum die Niederlande geprägt hat, dann war es ein erasmischer Calvinismus, der immer die via media suchte, die Mitte zwischen den Extremen: Die Bürgerrepublik der Kaufleute und Seefahrer wurde von calvinistischen Stadträten und von adeligen Statthaltern regiert, die, vor allem im Osten des Landes, Lutheraner waren; im Adelsbund von 1565, mit dem die niederländische Geschichte der Neuzeit beginnt, gab es auch katholische Priester; Ehen zwischen Angehörigen verschiedener religiöser Bekenntnisse waren nicht selten (Rembrandts Vater zum Beispiel war Calvinist, seine Mutter Katholikin); die erzföderalistischen Niederländer hatten als erster europäischer Staat eine Nationalhymne ("Wilhelm von Nassauen") und gehören zu den letzten, die noch königlich repräsentiert werden. Alljährlich wird am 30. April der "Koninginnedag" als Volksfest mit rotweißblauen Nationalflaggen und dem Oranje-Wimpel gefeiert.

Wo die einen Toleranz bewunderten, fanden andere in der Mitte zwischen Prassen und Predigen erschreckende Charakterlosigkeit, die für Geld alles erlaubt. Im 17. Jahrhundert schrieb der Franzose Claude Saumaise: "Holland ist ein Land, wo der Dämon Gold auf einem Thron von Käse sitzt und mit Tabak gekrönt ist." Etwa gleichzeitig dichtete der britische Lyriker Andrew Marvell von einem "türkisch-christlich-heidnisch-jüdischen Amsterdam", wo Sekten und Schismen haufenweise wachsen und jede Meinung gilt, solange sich nur Geld daraus machen läßt.

Freilich, England führte damals gerade Krieg gegen Holland. Denn so war Europa auch: keineswegs ein freundlicher Club, keine Rede von Wirtschaftsgemeinschaft, Neid und Machtgier allenthalben, und immer wurde irgendwo Krieg geführt. Spanien, England, Frankreich, Deutschland – von jedem ihrer Nachbarn sind die Niederländer überfallen worden, gegen jeden ihrer Nachbarn haben sie Krieg geführt.

In Deutschland herrschte Holland-Bewunderung vor, von den Klassikern bis zu den Aussteigern jüngster Zeit. Goethe schrieb sein Egmont-Drama und Schiller den "Don Carlos". Eine Vorstudie dazu war der wissenschaftliche Essay "Geschichte des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung" (1788). Dort schreibt Schiller: "Eine der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten, die das sechzehnte Jahrhundert zum glänzendsten der Welt gemacht haben, dünkt mir die Gründung der niederländischen Freiheit... Wenn wir den Zusammenfluß aller Völker in dem heutigen Holland betrachten, die beim Eintritt in sein Gebiet ihre Menschenrechte zurückempfangen, was muß es damals gewesen sein, wo noch das ganze übrige Europa unter einem traurigen Geistesdruck seufzte, wo Amsterdam beinahe der einzige Freihafen aller Meinungen war? ... Europa empfing seine vermehrten Bedürfnisse größtenteils aus den Händen der Niederländer, die den Handel der ganzen damaligen Welt beherrschten und den Preis aller Waren bestimmten."

Natürlich gehören die Niederlande zu Europa, wenn auch nicht ganz in gleichem Maße wie ihr südlicher Nachbar Belgien, der das Erbe von Burgund und Brabant angetreten hat. Belgien wurde 1830 selbständig. Eine "Wiedervereinigung" hätten die Holländer im 19. Jahrhundert haben können. Sie haben sie abgelehnt – obwohl das doch ihr historisches Trauma einigermaßen hätte beheben können: ein kleines Land zu sein. Durch die niederländische Kunst und Literatur der letzten 500 Jahre zieht sich die Metapher vom David Holland gegenüber den Goliaths Spanien, Großbritannien, Frankreich, Deutschland. Diese Verwechslung von groß-mächtig und glücklich finden wir ja allenthalben. Offenbar wissen die Leute nicht mehr, wie der Kampf zwischen David und Goliath ausgegangen ist – oder sie glauben der Bibel nicht.

In den Fluten

Ein scheinbarer Nachteil freilich folgt aus der geringen Ausdehnung des niederländischen Staates, seit ihm die Kolonien abhanden gekommen sind, und ein wirklicher.

Gehören die Niederlande zu Europa?

Der scheinbare: In der europäischen Medienlandschaft drohen die Niederländer unterzugehen wie einst in den Fluten der Nordsee. Wir haben das erfahren können, als 1989 die osteuropäischen Staaten sich von ihren kommunistischen Regierungen befreiten. In der gleichen Zeit gab es in den Niederlanden Wahlen und eine komplizierte Regierungsbildung. Darüber wurde außerhalb der Niederlande so gut wie nichts berichtet.

Der wirkliche Nachteil: Da die Niederländer sich noch immer gern als ein Volk von Fischern und Bauern begreifen, leben dort mehr Kühe und Schweine (17 Millionen) als Menschen (14 Millionen), und das Land ist inzwischen zum zweitgrößten Exporteur landwirtschaftlicher Produkte (nach den USA) geworden. Das fröhliche Landleben hört jedoch auf, gesund zu sein, wo Ackerbau und vor allem Viehzucht mit solcher Intensität betrieben werden. Der Boden ist verseucht von natürlicher Jauche und künstlichem Dünger, und wer lange genug mit einem Boot durch die Grachten gefahren ist, sehnt sich nach der Sauberkeit der Mosel, die von den Holländern denn auch gern im Urlaub besucht wird.

Während der letzten fünfzig Jahre ist aus einem Gebiet, das einmal weltberühmt war für seine adrette Sauberkeit, nach dem Urteil des eigenen Reichsinstituts für Volksgesundheit "das schmutzigste Land Westeuropas" geworden.

Alle Energien jedoch, die dadurch frei geworden sind, daß das vielhundertjährige Übel der watersnood weitgehend gebannt ist, werden in den Niederlanden jetzt auf den Kampf gegen die Umweltverschmutzung konzentriert. Wer diesen Staat in Zukunft regieren will, muß grüner sein als die Grünen. Vielleicht werden die Niederlande mit ihrer Liebe zum Radfahren und Eislaufen eines Tages wieder nicht nur das reichste, sondern auch das sauberste Land Europas. Und dann können die Holländer doch auch auf nur 40 000 Quadratkilometern groß und glücklich sein.