Die ausführlichste Auskunft über den ersten Auftritt der Niederlande im europäischen Theater gibt der römische Schriftsteller Tacitus in seinem Werk "Germania". Immerhin sind einige niederländische Städte zweifellos römischen Ursprungs, so wie Utrecht (Traiectum inferius), Maastricht (Traiectum ad Mosam) und Nimwegen (Noviomagum Oppidum).

Bei Tacitus nun werden die Niederlande bevölkert von den Batavern und von den Belgern. Daß die Niederländer sich die Bataver als Urväter auserkoren (also zum Beispiel ihre ostindische Kolonie Batavia genannt) haben und ihren südlichen Nachbarn die Belg(i)er überließen, stützt sich auf Legenden eher als auf exakte historische Daten.

Fazit: Die Niederländer gehören zum römischen Europa, wenn auch nur am Rande. Die Friesen zum Beispiel, um die Stadt Leeuwarden herum, wurden von den Römern und ihrem Christentum sowenig tangiert wie ihre Nachbarn in Deutsch-Ostfriesland, mit denen sie auch die (Holländern unverständliche) Sprache gemeinsam haben und die kennzeichnenden Eigennamen auf -a, wie Huizinga und Kingma.

Sehr fest verwurzelt im Christentum waren die Niederländer ebensowenig wie ihre norddeutschen Nachbarn. Das änderte sich erst nach der Reformation. Da die katholischen Spanier von 1527 an mit Hilfe der katholischen Kirche eine ungeliebte Herrschaft ausübten in Utrecht wie in Antwerpen,

bot sich die reformierte Kirche an als Träger der niederländischen Freiheitsbewegung. Daß die Reformation in den Niederlanden nun gerade in der Form des Calvinismus sich durchsetzte, war Zufällen ebenso zuzuschreiben wie einem immer problematischen "Nationalcharakter".

Die von dem Genfer Franzosen John Calvin (1509 – 1564) begründete Variante des Protestantismus bot sich offenbar an als Medium des Weltverständnisses für eine vom Handel lebende Nation. Sie setzte sich deswegen in der Schweiz wie im deutschen Südwesten wie in Großbritannien zeitweise durch. Es hat wohl etwas ungemein Geschäftsbelebendes, sich ohne Verpflichtung zu "guten Werken" von höherer, von außerirdischer Instanz prädestiniert zu fühlen zu irdischem Erfolg. Und den hatten die Holländer ja, ein ganzes "goldenes Jahrhundert" lang, etwa von 1570 bis 1670 – wie spannend nachzulesen ist in dem Buch des friesischen Amerikaners Simon Schama, "The Embarrassment of Riehes", dem auch dieses Referat manches verdankt.

Aber war, oder ist gar, Holland deswegen ein Land des Calvinismus, der nüchternsten und sittenstrengsten Form des reformatorischen Puritanismus? Wie käme es dann, daß – wenn wir die Zeugnisse richtig deuten – in keinem anderen europäischen Land so viel gefressen, gesoffen, gequalmt und gehurt wurde wie in Holland? Wie kommt es, daß Holland während der letzten 500 Jahre sich als der toleranteste Staat Europas erwiesen hat? Wie kommt es, daß dieser Calvinismus so sang- und klanglos untergegangen ist? Denn, nicht wahr, südlich von Skandinavien sind heute in keinem Lande Europas christliche Kirchen so leer und so überflüssig, deswegen zum Teil auch zweckentfremdet, wie in Holland. Jeder Spaziergang durch Amsterdam kann das lehren. Wie kommt es schließlich, daß in der jüngsten Bevölkerungsstatistik am zahlreichsten die doch angeblich so verhaßten Katholiken vertreten sind (36,2 Prozent), dicht gefolgt von den in keinem anderen Land so öffentlich ausgewiesenen Atheisten und Agnostikern (34,7 Prozent)? Die Protestanten, keineswegs alle Calvinisten, kommen erst auf Platz drei (26,4 Prozent). Und schließlich war das Land der calvinistischen Bilderstürmer zur gleichen Zeit ja auch das Land der großen Maler, die religiöse Themen durchaus nicht scheuten: Frans Hals (1585 – 1666), Rembrandt van Rijn (1606 – 1669), Jan Vermeer (1632 – 1675).