Jedenfalls waren die Niederländer in der Geschichte des europäischen Christentums 300 Jahre lang heftigst engagiert. Nicht nur engagiert, sondern führend waren sie, wo es um das Formen europäischen Geistes durch Humanismus und Aufklärung ging; denn der nordeuropäische Humanismus, unabhängig von der italienischen Renaissance, ist schwer vorstellbar ohne Erasmus von Rotterdam (1469 – 1536), und als erster Philosoph der Aufklärung muß neben René Descartes Baruch de Spinoza (1632 – 1677) gelten. Erasmus hat es wie kein anderer verstanden, Griechentum und Christentum zusammenzudenken zu einer Basis menschlichen Verhaltens, das später als "Humanismus" bezeichnet wurde, eines Humanismus, der ohne klassische Antike und ohne devotes Christentum nicht möglich gewesen wäre.

Was Erasmus für den Humanismus war, war Spinoza, dieser "edelste und liebenswerteste der großen Philosophen" (Bertrand Russell), für die Aufklärung, jenen wiederum eigentümlich europäischen Versuch, "menschliches" Verhalten von "christlichem" Verhalten zu lösen und es auf Vernunft zu gründen.

Da ist der Einwand zu hören: Aber Erasmus und Spinoza waren doch gar nicht wirklich Holländer. Wahr ist, daß es Erasmus, zweifellos als Holländer geboren, nie lange in seiner Heimat gehalten hat, daß für seine Entwicklung Frankrech, England, Italien, Deutschland und vor allem die Schweiz wichtiger waren. Wahr ist auch, daß Spinozas Herkunft jüdisch-portugiesisch ist – webei er nun wieder in Holland geboren wurde, in Holland gestorben ist, Holland nie verlassen hat.

Das gerade ist, oder vielmehr war, Europa: ein Kulturkreis, in dem freie Geister sich frei belegen, in dem alle Gebildeten sich in ihrer Lingua franca, dem Lateinischen, verständigen konnten (Spinoza schrieb zeitlebens kein einwandfreies Niederländisch). Notfalls lernte man aber auch die Sprache des Nachbarn. So wurde ein van Gogh zum großen europäischen Maler erst, als er das Licht der Provence erblickt hatte, und ein Ludwig van Beethoven gar bedurfte offenbar des deutschen Ambiente, um das zu werden, was es in Holland nicht gab: ein musikalisches Genie. Niederländer haben einen überproportional großen Beitrag geleistet zur Welterkundung, zur Philosophie, zur bildenden Kunst, zur Naturwissenschaft: Musikalisch waren sie, darin, und nicht nur darin, den Engländern verwandt, eher unergiebig.

Das ist insofern wichtig, als Musik ja inzwschen die einzige überall in Europa verständliche Sprache ist, nachdem das Latein törichterweise aufgegeben wurde, weder das Französisch der Diplomaten noch Esperanto sich haben durchsetzen können und ein Basic English sich als sehr brauchbar für den internationalen Flugverkehr und für Computer erwiesen, sich dabei aber von der Sprache Shakespeares und Shaws barbarisch weit entfernt hat.

Der holländische Jude Spinoza legt einen Querverweis nahe: Europa ist nicht vorstellbar ohne seine Juden. Zwar waren sie während der ersten tausend Jahre europäischer Geschichte so gut wie unsichtbar, aber sie waren dennoch allgegenwärtig durch das Alte Testament. Im zweiten europäischen Jahrtausend tauchten sie auf aus dem arabisch-spanisch-portugiesischen Süden wie aus dem slawischen Osten. Und von da an wurde es zu einer wichtigen Frage an die Völker Europas: Wie haltet ihr es mit den Juden?

Wie hielten es die Niederländer? Weder die in ihrem Alltag wie in ihrer Kunst offensichtliche Präsenz des Alten Testaments noch ihre Bereitschaft, zum Beispiel viele portugiesische Juden (Sephardim), später auch Juden aus dem Osten (Aschkenasim) aufzunehmen, können als Annäherung verstanden werden. Das auserwählte Volk waren die Holländer schließlich selber, solange derlei im 18. und vor allem im 17. Jahrhundert eine Rolle spielte. Dennoch schneidet niederländische Toleranz im europäischen Vergleich gut ab. Ein Spinoza hatte von orthodoxen Juden mehr zu leiden als von calvinistischen Bürgern.