Wenn calvinistisches Christentum die Niederlande geprägt hat, dann war es ein erasmischer Calvinismus, der immer die via media suchte, die Mitte zwischen den Extremen: Die Bürgerrepublik der Kaufleute und Seefahrer wurde von calvinistischen Stadträten und von adeligen Statthaltern regiert, die, vor allem im Osten des Landes, Lutheraner waren; im Adelsbund von 1565, mit dem die niederländische Geschichte der Neuzeit beginnt, gab es auch katholische Priester; Ehen zwischen Angehörigen verschiedener religiöser Bekenntnisse waren nicht selten (Rembrandts Vater zum Beispiel war Calvinist, seine Mutter Katholikin); die erzföderalistischen Niederländer hatten als erster europäischer Staat eine Nationalhymne ("Wilhelm von Nassauen") und gehören zu den letzten, die noch königlich repräsentiert werden. Alljährlich wird am 30. April der "Koninginnedag" als Volksfest mit rotweißblauen Nationalflaggen und dem Oranje-Wimpel gefeiert.

Wo die einen Toleranz bewunderten, fanden andere in der Mitte zwischen Prassen und Predigen erschreckende Charakterlosigkeit, die für Geld alles erlaubt. Im 17. Jahrhundert schrieb der Franzose Claude Saumaise: "Holland ist ein Land, wo der Dämon Gold auf einem Thron von Käse sitzt und mit Tabak gekrönt ist." Etwa gleichzeitig dichtete der britische Lyriker Andrew Marvell von einem "türkisch-christlich-heidnisch-jüdischen Amsterdam", wo Sekten und Schismen haufenweise wachsen und jede Meinung gilt, solange sich nur Geld daraus machen läßt.

Freilich, England führte damals gerade Krieg gegen Holland. Denn so war Europa auch: keineswegs ein freundlicher Club, keine Rede von Wirtschaftsgemeinschaft, Neid und Machtgier allenthalben, und immer wurde irgendwo Krieg geführt. Spanien, England, Frankreich, Deutschland – von jedem ihrer Nachbarn sind die Niederländer überfallen worden, gegen jeden ihrer Nachbarn haben sie Krieg geführt.

In Deutschland herrschte Holland-Bewunderung vor, von den Klassikern bis zu den Aussteigern jüngster Zeit. Goethe schrieb sein Egmont-Drama und Schiller den "Don Carlos". Eine Vorstudie dazu war der wissenschaftliche Essay "Geschichte des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung" (1788). Dort schreibt Schiller: "Eine der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten, die das sechzehnte Jahrhundert zum glänzendsten der Welt gemacht haben, dünkt mir die Gründung der niederländischen Freiheit... Wenn wir den Zusammenfluß aller Völker in dem heutigen Holland betrachten, die beim Eintritt in sein Gebiet ihre Menschenrechte zurückempfangen, was muß es damals gewesen sein, wo noch das ganze übrige Europa unter einem traurigen Geistesdruck seufzte, wo Amsterdam beinahe der einzige Freihafen aller Meinungen war? ... Europa empfing seine vermehrten Bedürfnisse größtenteils aus den Händen der Niederländer, die den Handel der ganzen damaligen Welt beherrschten und den Preis aller Waren bestimmten."

Natürlich gehören die Niederlande zu Europa, wenn auch nicht ganz in gleichem Maße wie ihr südlicher Nachbar Belgien, der das Erbe von Burgund und Brabant angetreten hat. Belgien wurde 1830 selbständig. Eine "Wiedervereinigung" hätten die Holländer im 19. Jahrhundert haben können. Sie haben sie abgelehnt – obwohl das doch ihr historisches Trauma einigermaßen hätte beheben können: ein kleines Land zu sein. Durch die niederländische Kunst und Literatur der letzten 500 Jahre zieht sich die Metapher vom David Holland gegenüber den Goliaths Spanien, Großbritannien, Frankreich, Deutschland. Diese Verwechslung von groß-mächtig und glücklich finden wir ja allenthalben. Offenbar wissen die Leute nicht mehr, wie der Kampf zwischen David und Goliath ausgegangen ist – oder sie glauben der Bibel nicht.

In den Fluten

Ein scheinbarer Nachteil freilich folgt aus der geringen Ausdehnung des niederländischen Staates, seit ihm die Kolonien abhanden gekommen sind, und ein wirklicher.