• Aus der Sicht der rund 400 Anhänger starken konservativen Parlamentsgruppe "Kommunisten Rußlands" liegt alles Übel darin, daß Zentralkomitee und Zentralbehörden die Interessen der Republik bislang sträflich mißachtet haben. Um hier Abhilfe zu schaffen, wollen sie die Russische Kommunistische Partei – mit eigenem Apparat und Führungskompetenzen – gründen. Für die Verteilung von Rohstoffen und Produktionsmitteln verlangen die Vertreter dieses Flügels in der russischen Regierung auch eigene Behörden. Nur so könne vom nächsten Jahr an – wenn die Republik auf eigene Rechnung wirtschaften soll – der Handel mit den anderen Republiken auf "gerechte Weise" abgewickelt werden. Garant der Gerechtigkeit ist für die "Kommunisten Rußlands" weder das Mehrparteiensystem, noch die Marktwirtschaft (die ein Teil dieser Gruppe verbal befürwortet, ein anderer rundheraus ablehnt), sondern eine starke Partei.
  • Die etwas weniger Mitglieder zählende Gruppe "Demokratisches Rußland" hat eine ganz andere Auffassung von Souveränität: Sie will in den Wirtschaftsbeziehungen generell Verordnungen durch Verträge ersetzen. Ihr Reformprogramm setzt die Priorität auf die Abschaffung der Branchenministerien und die Autonomie der Betriebe. Zahlreiche Gesetzesvorlagen, die in den Schubladen der sowjetischen Zentral-Regierung schlummern – zum Beispiel die Schaffung einer unabhängigen Notenbank oder die Stärkung der Stadt- und Kommunalräte –, möchten die Demokraten sofort herausholen. Gerechtigkeit heißt für die Anhänger dieser Gruppe vor allem Chancengleichheit und Sozialpolitik. Schuld an der Misere ist da nicht das "Zentrum an sich", sondern das Machtmonopol der Einheitspartei im Wirtschaftsleben. Auch Mitglieder der KPdSU fordern deshalb jetzt die Auflösung der Parteiorganisationen in Betrieben und Behörden.

Bei der Wahl Boris Jelzins zum Präsidenten des Obersten Sowjets Rußlands trug diese zweite Gruppe den Sieg davon – wenn auch erst im dritten Wahlgang. Jelzin kam außer seiner Popularität auch die Protestwelle gegen die vom Ministerpräsidenten Nikolaj Ryschkow am 24. Mai angekündigten Preiserhöhungen zugute.

Im "Reformkonzept" der russischen Regierung findet sich jedoch kein plausibler Vorschlag für eine neue Ordnungs- und Strukturpolitik. Gestützt auf die Ökonomen der radikalreformerischen "Interregionalen Gruppe", die mit ihrer scharfen Kritik an der Regierung im Obersten Sowjet der UdSSR in der Minderheit geblieben waren, profilierte sich zwar Jelzin im russischen Parlament mit einem zukunftsweisenden Reformansatz: Förderung neuer Eigentumsformen, Änderung der Investions- und Importstruktur zugunsten der Konsumgüter. Doch schon zwei Wochen später fand sein Wunschkandidat für den Posten des russischen Regierungschefs nicht die Zustimmung der Mehrheit im Obersten Sowjet der RSFSR.

Der von Jelzin geförderte Michail Botscharow – ein unternehmerisch orientierter Jurist – hatte den Parlamentariern einen Plan für die nächsten 500 Tage vorgelegt. Wichtigste Punkte: Entstaatlichung des Bodens und der Betriebe, freies Unternehmertum, Sanierung der Geld- und Finanzwirtschaft, Aufgabe der staatlichen Preisfestlegung – abgefedert durch Indexierung der Löhne und Sozialprogramme. Natürlich bot der drahtige Manager nicht gleich Lösungen für alle Probleme an. Doch endlich wäre ein Anfang gemacht worden – und zwar sofort.

Doch die Aufforderung zum Kraftakt durch Privatinitiative fand keinen Konsens. Unterstützung kam in der Debatte nur von der russischen Intelligenz, die ihre Republik zu einem Rechtsstaat machen möchte. "Die ganze Tragik unserer früheren Politiker bestand doch darin", so sagte jüngst Leningrads neuer Bürgermeister Anatolij Sobtschak, der hellste Stern im sowjetischen Parlament und von Haus aus Wirtschaftsjurist, "daß sie keine Juristen waren. Deshalb haben sie es auch nie mit dem Gesetz gehalten."

Doch der Mehrheit der russischen Volksverreter sprachen jene Funktionäre aus der Seele, die den Teufel an die Wand malten: Legalisierung des Schwarzmarktes, soziale Unsicherheit, unberechenbare Entwicklungen. Den größten Beifall erhielt die Deputierte Idelbajewa aus Baschkiren: "Ich bin keine Volkswirtin. Ich bin keine Jurisin. Ich bin Dichterin. Mein Beitrag ist rein menshlich. In der Tat, Botscharows Plan ist radika – aber nicht lebensfähig. Er kennt die Psychologie des russischen Bauern nicht. Für den ist Boten eine moralische Kategorie: Mutter Heimat. Der Bauer will den Boden nicht verkaufen, insbesondere nicht an Fremde, und schon gar nicht an Ausländer! (Applaus) Wir unterstützen Iwan >ilajew."

Der sechzigjährige Ingenieur Silajew, Mitglied des ZK der KPdSU und stellvertretender Ministerpräsident der UdSSR, bisher Co-Vorsitzender der gemischten deutsch-sowjetischen Wirtschaftskommission, verhieß eine sanfte Geburt der souveränen Republik – und wurde denn auch zum russischen Regierungschef gewählt. Seine Reform-Rhetorik bewegte sich auf der Linie von Premier Ryschkow. Den Übergang zur Marktwirtschaft