Die beiden deutschen Fahnen, die neben der israelischen Flagge vor der Knesset gehißt wurden, wirkten äußerst befremdend. In der Mitte der Davidstern und daneben gleich zweimal Schwarz-Rot-Gold – einmal mit Hammer und Zirkel, einmal ohne. Einen "Neuanfang zu dritt" hatte die Bundestagspräsidentin den gemeinsamen Besuch mit ihrer Amtskollegin von der Volkskammer in Jerusalem genannt. Rita Süssmuth und Sabine Bergmann-Pohl hatten sich viel vorgenommen: Sie wollten die Ängste der Juden in Israel vor der Wiedervereinigung abbauen.

Ein Auftritt, den die Israelis schon vorher als "historisch" gewertet hatten. Dazu gab es Grund: Die DDR unterhält nach wie vor keine diplomatischen Beziehungen zu Israel und sah sich bis vor kurzem noch – als ein antifaschistischer Staat – selbst als Opfer des Nationalsozialismus. Das Bekenntnis zur Mitschuld am Holocaust kam spät, dennoch hat Israel die Versöhnungsbemühungen Ost-Berlins anerkannt. Parlamentspräsident Dov Schilanski, der sich geschworen hat, keine offiziellen Kontakte mit Deutschen zu pflegen, ließ sich zwar beurlauben, um den Damen in der Knesset aus dem Weg zu gehen – er hat sie jedoch später privat empfangen.

Für fast alle Journalisten und Jugendlichen aus der DDR, die mit Sabine Bergmann-Pohl nach Jerusalem reisten, war es der erste Besuch in Israel. Die meisten DDR-Bürger wissen kaum etwas über das Leben der Juden und ihr Land. "Der Holocaust wurde auf geistiger Ebene in der DDR weitergeführt", sagt Konrad Weiss, der die Präsidentinnen begleitete. "In unserem Geschichtsbuch sind ganze zehn Zeilen über die Judenverfolgung zu finden", erzahlt seine Tochter.

Unter jenen, die gekommen sind, um Versöhnung zu erbitten, sind auch Juden. Fünf Jahre habe er den Judenstern getragen, sagt Herr Silberstein. Absurd, daß gerade er mit der Bitte um Versöhnung hierherkommt. Ja, aber das ganze Leben sei absurd.

In die Zukunft blicken kann man nur, wenn man die Vergangenheit begreift, heißt es. Der Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem, der israelischen Gedenkstätte der Shoah, dauert drei Stunden. Deutschland ist weit von dieser Vergangenheit entfernt; in Israel ist sie überall gegenwärtig. Der Gedanke kommt auf, gerade jetzt, da in Deutschland die vermeintliche Strafe für die Naziverbrechen – die Teilung – aufgehoben wird: Wird es nicht immer mehr Menschen geben, die nun sagen werden, endlich sei ein Schlußstrich zu ziehen? Man könne doch nicht ewig die Vergangenheit mit sich herumschleppen?

Warum aber denkt man immer daran, wie schwer es den Nachkommen der Täter fällt, mit der Vergangenheit fertig zu werden? Überlegt man auch, wie schwer es den Überlebenden und den Nachkommen der Opfer fallen muß, damit fertig zu werden? In Yad Vashem sagt Herr Silberstein leise: "In der Volkskammer hat jetzt eine Abgeordnete vorgeschlagen, den bestehenden Kündigungsschutz für Verfolgte des NS-Regimes aus dem künftigen Arbeitsgesetz herauszustreichen." Das sei doch nicht mehr zeitgemäß.

In Deutschland habe es damals zu viele Jasager gegeben, sagt Katharina Overath, die gekommen ist, um in Yad Vashem ein Bäumchen zu pflanzen, weil sie 1942 Juden das Leben in Deutschland gerettet hat. Auch in der DDR, sagt sie, habe es viele Jasager gegeben, sonst wäre dort der Umsturz schon viel früher möglich gewesen. Heute sei das endlich anders. Heute seien die Leute bereit, nein zu sagen.