Gestern abend traf ich einen alten Schulfreund, der jetzt ein renommierter Psychiater ist, in einem Lokal dieser Stadt vor seinem Schoppen sitzend. Mein Freund pflegte stets Gesellschaft und trank niemals allein, daher war ich beunruhigt, als ich bei der Begrüßung Schatten unter seinen Augen bemerkte.

Ich setzte mich zu ihm, und bald schon begann er mir sein Leid zu klagen: Der Markt der Seelenkranken befinde sich in einer schweren Rezession, seine besten Patienten liefen ihm davon. Einige sogar, und das plagte ihn am meisten, die er bereits aus der Praxis seines Vaters übernommen hatte und die über vierzig Jahre lang von einer schweren Identitätskrise gegeißelt wurden, erklärten sich plötzlich für gesund. Auch bei Fällen von akuter Zukunftsangst herrsche momentan Flaute, und das trotz des Hoffnungsträgers Umweltkrise.

Nein, sagte er, seine Praxis sei kein Einzelfall. In den letzten Jahren habe ein bundesdeutscher Psychiater rund zwanzig Prozent seiner Klientel aus dem Bereich frustrierter Manager rekrutiert, die mit den zwischenmenschlichen Härten des kapitalistischen Systems nicht mehr fertig wurden und sich nach einer sozialeren Gesellschaft sehnten. Dieser einträgliche Sektor sei ihm im letzten halben Jahr unter den Fingern zerronnen.

Mein Freund war in ernstlichen Schwierigkeiten, das sah ich ein, daher fragte ich nach den Gründen für die Krise seiner Zunft. „Es ist wie ein Virus“, sagte er, „und der 9. November 1989 war der Tag, an dem die Infektion ausbrach. Sieh mal, an diesem Tag hat halb Deutschland die Erinnerung an vierzig Jahre besseren Lebens geschenkt bekommen. Wer bisher unter seinem schäbigen Mittelklassewagen litt, der muß seitdem nur noch über die Grenze fahren, um sich wie in einer elitären Luxuskarosse zu fühlen. Jenes Obst, das wir jahrelang leichtsinnig den Affen im Zoo über die Gitter warfen, ist nun zum Symbol unserer Freiheit geworden. Die Westdeutschen haben die Privilegien ihres marktwirtschaftlichen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialsystems zu schätzen gelernt, dank der Banane. Die Marktwirtschaft hat einen endgültigen, grandiosen Sieg über ihren ärgsten Feind errungen, und alle Menschen hier hüben sind Mitglieder der siegreichen Partei, wir alle sind Sieger. Nur an die Kehrseite denkt keiner: Siegeszeiten bedeuten magere Jahre für Leute wie mich. Schau dir das Volk doch an, quer durch alle Schichten leuchten Stolz und Selbstzufriedenheit. Die Geschichte hat uns Bundesdeutschen einen Orden angesteckt, wie sollte man da noch ernsthaft traurig sein?“

„Na, na“, mahnte ich meinen Freund, „wir Westdeutschen leben zwar unter einem vergleichsweise erfolgreichen Gesellschaftssystem, aber das macht einen Fabrikarbeiter oder einen Straßenkehrer doch nicht zum Sieger über den real existierenden Sozialismus.“

Mein alter Freund schüttelte traurig den Kopf. „Doch, psychologisch gesehen ist das ein und dasselbe. Der Mensch gehört von Natur aus gern Vereinen an; nun, und ein Staat ist nichts anderes als ein riesengroßer Verein, in den man hineingeboren wird, in dem man Mitgliedsbeiträge zahlt und wo man ab und zu einen neuen Präsidenten wählt. Da gehört jeder dazu, da kann jeder stolz drauf sein, und wer stolz auf sich ist, benötigt höchst selten einen Seelendoktor, nicht wahr?“

Er stockte kurz, dann verfinsterte sich sein Gesicht: „Und es wird noch schlimmer kommen! Nächstes Jahr nimmt unser Verein siebzehn Millionen neue Mitglieder auf, dann werden wir im Sport noch viel erfolgreicher und in der Politik noch mächtiger. Wir Psychiater müssen wohl unsere Koffer packen.“

Soweit gestern mein alter Freund. Ich habe wenig Hoffnung für ihn. Christoph Keller