Von Udo Perina

Zuversichtlich können die Besitzer deutscher Aktien dem zweiten Halbjahr entgegensehen. An der Börse scheint sich die Auffassung durchzusetzen, daß die Vereinigung der beiden deutschen Staaten für die Unternehmen in der Bundesrepublik mehr Vor- als Nachteile bringt. Die Zinsen dürften zwar noch eine ganze Weile oben bleiben, doch ist nicht zu erwarten, daß davon negative Wirkungen auf den Aktienmarkt ausgehen. Auch die D-Mark bleibt stabil. Investoren aus dem Ausland brauchen also keine Währungsverluste zu fürchten. Zu diesem Ergebnis kommt die ZEIT/Südprojekt-Prognose, die auf den Kapitalmarktanalysen von dreizehn Finanzunternehmen basiert.

Deutsche Aktien: Noch in diesem Jahr wird der Deutsche Aktienindex (Dax) nach Ansicht der Teilnehmer an der ZEIT/Südprojekt-Prognose deutlich die Schallmauer von 2000 Indexpunkten durchbrechen. Eine Bank glaubt sogar, daß dies bereits unmittelbar nach dem Start der Währungsunion im Juli geschehen wird. Das Risiko hoher Kursverluste erscheint für die deutsche Börse indes begrenzt: Selbst nach der pessimistischsten Prognose ist für das Jahresende noch ein Dax von 1800 zu erwarten. Das entspricht etwa dem Niveau vom Jahresbeginn.

Amerikanische Aktien: Nicht ganz so rosig wird die Lage an der Wallstreet beurteilt. Ein Bankhaus rechnet sogar mit einem schweren Kurseinbruch und sagt bis zum Jahreswechsel Kursverluste von mehr als zwanzig Prozent voraus. Im Durchschnitt jedoch erwarten die Teilnehmer, daß der Dow Jones Aktienindex sein gegenwärtiges Niveau beibehält. Sorgen bereitet vielen Beobachtern des amerikanischen Aktienmarktes neben den Defiziten in der Handelsbilanz und im Staatshaushalt die schwache Konjunktur. Immer mehr Unternehmen melden erhebliche Gewinneinbußen.

Japanische Aktien: Völlig uneinig sind sich die Experten über die Beurteilung der japanischen Börse. Ihre Prognosen reichen von einer kräftigen Hausse bis zu einer schmerzlichen Baisse. Während die einen den Nikkei-Index in sechs Monaten um fast zwanzig Prozent über seinem derzeitigen Stand sehen, rechnen andere mit mehr als fünfzehn Prozent Verlust. Grundsätzlich gelten japanische Aktien nach europäischen Maßstäben schon lange als erheblich überbewertet. Doch das hat die Börse von Tokio schon in den vergangenen Jahren wenig beeindruckt.

Zinsen in der Bundesrepublik: Die Zinsen bleiben vorläufig relativ hoch. Alle dreizehn Finanzhäuser prognostizieren, daß öffentliche Anleihen am Ende des Jahres noch mindestens eine Rendite von 8,50 Prozent abwerfen. Das bedeutet einerseits hübsche Erträge für alle, die sich im Laufe des Jahres festverzinsliche Wertpapiere zulegen. Andererseits müssen auch alle privaten, gewerblichen und öffentlichen Schuldner hohe Zinsen bezahlen. Falls die Finanzierung der deutschen Einheit doch wesentlich teurer kommt als bisher erwartet, halten viele Fachleute auch weitere Zinssteigerungen nicht für ausgeschlossen.

US-Zinsen: Ein tendenziell stagnierendes Zinsniveau wird auch für den amerikanischen Wertpapiermarkt erwartet. Die lahmende US-Konjunktur könnte zwar niedrigere Zinsen dringend gebrauchen, doch wer legt sein Geld schon in Dollar-Anleihen mit einer Rendite von weniger als acht Prozent an? Käufer solcher Anleihen, vor allem aus dem Ausland, braucht der amerikanische Staat aber dringend, um seinen Haushalt zu finanzieren. Falls die Zinsen in anderen Hartwährungslindern, etwa der Bundesrepublik, steigen sollten, wird auch der amerikanische Markt mithalten müssen, um seine internationale Kundschaft nicht zu verlieren.