Von Carl-Christian Kaiser

Managua, im Juni

Das Bild im bescheidenen Präsidentenzimmer zeigt in erdigen Farben eine sitzende Frau, um sie herum einen Mann und Kinder, zu ihren Füßen einen Hund. Die statuarische weibliche Gestalt auf einem Stuhl wirkt halb wie eine Familienmutter, halb wie eine Königin. Die Botschaft des Gemäldes zu den Worten der Präsidentin in Beziehung zu setzen drängt sich geradezu auf: Unablässig spricht Violeta Barrios de Chamorro von Verständigung, Ausgleich, Versöhnung. Dann erscheint auf ihrem Gesicht zuweilen auch ein Lächeln, das die Melancholie und Bitterkeit wegwischt, die sich in ihre Züge eingegraben haben.

Ihre Botschaft findet Widerhall. Fast überall, wo die kleine Bundestagsdelegation unter Führung des Vizepräsidenten Heinz Westphal auf ihrer Stippvisite in Nicaragua hinkam, wurden die gleichen Formeln wiederholt: ein nationaler Akkord, ein umfassender Pakt zwischen möglichst allen politischen und sozialen Gruppen, eine gemeinsame Anstrengung. Fast hat es den Anschein, als sei der kleine mittelamerikanische Staat, der nach der sandinistischen Revolution vor zehn Jahren immer wieder die Weltöffentlichkeit beschäftigt hat, fest entschlossen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, in den er durch Mißwirtschaft, revolutionäre Überanstrengung, den auszehrenden Bürgerkrieg, das amerikanische Handelsembargo und durch Naturkatastrophen geraten ist.

Seit sich das sandinistische Regiment im Februar in einer wirklich freien, international überwachten Entscheidung zugunsten der nationalen Oppositionsunion UNO abwählen ließ, scheint das ganze Land nur einen Vorsatz zu kennen: Anders muß es werden.

Weit über die übliche Armut mittel- und südamerikanischer Städte hinaus, macht schon die Hauptstadt Managua einen völlig heruntergekommenen Eindruck; auch auf dem Land kann die tropisch wuchernde Natur viel Elend nicht verhüllen. Im Hotelzimmer stehen, Vorsorge gegen Stromausfall, neben jeder Lampe Kerzen; schon die Frühstücksrechnung beläuft sich auf Millionen des noch immer hochinflationären Córdoba; bei Dunkelheit allein auszugehen ist nicht ratsam; der Zustand der meisten zivilisatorisch-technischen Einrichtungen spottet jeder Beschreibung.

Zahlen und Statistiken belegen, wie ausgeblutet das Land ist: 50 000 Opfer des Bürgerkriegs mit den von Washington ausgehaltenen Contras; eine riesige Fläche brachliegenden Bodens; ein auf den Stand der vierziger Jahre geschrumpftes Bruttoinlandsprodukt; Kapazitätsausnutzung der Industrie, wenn man sie denn überhaupt so nennen kann, nur noch zu einem Viertel; lange eingefrorene Entwicklungshilfe; Außenschulden, die der neue Außenminister Enrique Dreyfus auf zehn Milliarden Dollar beziffert und zu deren Tilgung nach seinen Worten über dreißig Jahre hinweg die gesamten gegenwärtigen Exporterlöse nötig wären. „Es beschämt uns“, sagte er zu seinen Bonner Besuchern mit dem gleichen melancholisch-bitteren Zug um den Mund wie die Präsidentin, „daß wir die Hand nicht nur zur Begrüßung ausstrecken können, sondern auch um etwas bitten müssen.“