Ausländische Hilfe beginnt nun an die vergleichsweise konservative neue Regierung wieder zu fließen, aus den Vereinigten Staaten wie aus der Bundesrepublik; eine gerade in Rom beendete sogenannte Geber-Konferenz war für Nicaragua durchaus ermutigend. Minister Dreyfus und andere betonen immer wieder, daß die Gelder vor allem zur Modernisierung der Industrie, für neuzeitliche Techniken, zur Exportankurbelung verwendet werden sollen. Nicht nur dem Sozialdemokraten Westphal fiel auf, daß von Sozialpolitik und Vorbeugung gegen ein neues Schisma zwischen Arm und Reich, wenn überhaupt, dann eher am Rande die Rede war. Was aber wird geschehen, wenn der Investitions- und Austerity-Kurs zu Entlassungen und Subventionskürzungen bei Grundgütern führt? Das sind Fragen von morgen.

Heute, ein knappes halbes Jahr nach dem Machtwechsel, sind die politischen Lager des Landes noch vollauf damit beschäftigt, nicht nur die schlimmsten Hinterlassenschaften vor allem des Bürgerkriegs zu bewältigen, sondern auch die Kräfteverhältnisse untereinander und zwischen sich zu ordnen und einen Modus vivendi zu finden. Die Demobilisierung der Contras scheint so weit fortgeschritten, daß Frau Chamorro die Halbierung der sandinistisch beherrschten Volksarmee in Angriff nehmen kann. Das ist ein erster objektiver Doppelerfolg. Nur: wie die Contra-Kämpfer und die Soldaten in die so sehr geschwächte Wirtschaft eingegliedert werden sollen, ist nirgends so recht zu erfahren.

Daß die Armee einerseits unter der Präsidentin, aber andererseits unter Humberto Ortega, dem Bruder des abgewählten Präsidenten Daniel Ortega, halbiert wird, ist ein Stück der heiklen Austarierung. Violeta Chamorro hat sich die Streitkräfte zwar selber unterstellt, Humberto Ortega jedoch als Generalstabschef beibehalten, nicht nur aus politischem Kalkül, sondern auch aus Einsicht, daß die neue Regierung ohne die Sandinisten, die bei der Februarwahl mit knapp 41 Prozent der Stimmen (gegenüber fast 55 Prozent für die UNO) eine starke Minderheitenposition behauptet haben, keine Bäume ausreißen kann. Gar nicht zu reden davon, daß die Sandinisten nach wie vor über große Teile des Staatsapparats und erst recht über die von ihnen gegründeten Massenorganisationen gebieten. Auf lange Sicht sehen deshalb manche schon eine stillschweigende Zusammenarbeit zwischen den gemäßigten Flügeln der Sandinisten und des "Chamorro-Clans" voraus – eine Art Kohabitation, wie sie schon einmal unmittelbar nach dem Sturz des Diktators Somoza bestanden hat.

Darauf, so heißt es, steuern die Brüder Ortega und andere Sandinisten des gemäßigten Flügels zu. Aber auch Tomas Borge, der ehemalige Innenminister und unter den sandinistischen Revolutionsheiligen einer der hartleibigsten, führt nun die Wendung von der "konstruktiven Opposition" und einer, wo immer möglich, "nationalen Übereinstimmung" kräftig im Munde. Gefiele er sich nicht in einem selbstverliebten Sarkasmus, wäre noch überzeugender, wenn er jetzt einräumt, daß die Sandinisten ihr Revolutionspotential überschätzt und überhaupt das Augenmaß verloren hätten. Habe man das Land ohnehin zu früh modernisieren wollen, so seien die – keineswegs erfolglosen – Bildungs- und Gesundheitsprogramme und andere Reformen bald zu ehrgeizig gewesen, ganz abgesehen von der Grenzverwischung zwischen Staat und Partei, übermäßiger Bürokratisierung und blinder Arroganz.

Das moralische Kapital, das sie mit der bislang einmaligen und im großen und ganzen ordnungsgemäßen Abgabe der Macht gewonnen haben, wollen die Sandinisten durch Quertreiberei nicht wieder verspielen. Sie können auch kein Interesse daran haben, vielleicht schon in sechs Jahren, bei der nächsten Wahl, ein immer noch sieches Land zu übernehmen. Zunächst aber müssen sie, vom Machtverlust überrascht und revolutionär erschöpft, mit sich selber ins Reine kommen. Vom Abbau des rigorosen Zentralismus und Vertikalismus in der Partei zugunsten ihrer Demokratisierung redet auch Borge – und damit werden auch Richtungsentscheidungen verbunden sein.

Im Chamorro-Clan und bei der UNO sind die Verhältnisse einstweilen noch unübersichtlicher. Wie sehr die politischen Gewichte durch Nähe oder Ferne zu diesem Clan und der Clan selber durch Verwandtschaften, Freundschaften und gleiche Schichtzugehörigkeit bestimmt sind, wird immer wieder lebhaft geschildert. Violeta Chamorro neigt zur Rolle einer Überpräsidentin. Als Folge finden sich in ihrem engsten Berater- und Mitarbeiterzirkel nur Politiker, oft miteinander verwandt oder verschwägert, die die Linie der nationalen Versöhnung strikt einhalten – vom Präsidialminister Antonio Lacayo über Innenminister Carlos Hortado bis zum Generalsekretär der Nationalversammlung, Alfredo Cesar. In der Regierung dominieren parteilose Technokraten.

Das fügt sich zwar in ein ausgeprägtes Präsidialsystem, das der Präsidentin sogar das Recht gibt, notfalls den Staatshaushalt per Dekret festzusetzen. Aber es paßt ganz und gar nicht zu der außerordentlich bunten Vielfalt der Parteien und Strömungen innerhalb der UNO. Mit der Rolle des bloßen Mehrheitsbeschaffers für die Chamorro-Politik wird sich dieses Bündnis auf die Dauer nicht abfinden. Vor allem aber ist es, von Rechtsgerichteten bis zu Kommunisten reichend, nur in der Opposition gegen die Sandinisten einig gewesen. Das gilt um so mehr, als seine, wie Hartmut Teuchler von der Adenauer-Stiftung in Nicaragua sagt, "ideologischen Familien" jeweils in Unterparteien zerfallen, die sich oft an der Frage scheiden, wie sich nun die Regierung zu den Sandinisten stellen soll: so bei den Konservativen, Christlichen Demokraten oder den Sozialdemokraten.