Kein Geld, kein Platz, keine Helfer in Sicht

Von Ernst Klee

Eine Wohnung in München. Darin lebt eine Frau, 37 Jahre alt. Ich will sie begrüßen, ihr die Hand geben. Doch sie kann ihre Hand nicht heben. Sie versucht zu lächeln, doch ihr Gesicht verzerrt sich. Die Lähmung begann vor eineinhalb Jahren, heute kann die Frau nicht mehr stehen, nicht mehr alleine auf die Toilette, sie muß gefüttert, gewaschen, angezogen werden. Die Diagnose des Hausarztes lautet: myatrophische Lateralsklerose.

Der Ehemann, ein Schlosser, ist elf Jahre älter. Er hat den Arm um die Schultern seiner Frau gelegt. In einem Brief an verschiedene Hilfsorganisationen hat er die Lage geschildert: "Nachdem wir immer eine gute Ehe und ein inniges Verhältnis miteinander haben, kommt eine Einweisung in ein Pflegeheim für uns nicht in Frage. Dies würde für sie den psychischen und physischen Untergang bedeuten... Ich stehe nun vor der Entscheidung, aus Mangel an Pflegekräften meine Arbeit zu vernachlässigen oder kündigen zu müssen, um meine kranke Frau versorgen zu können."

Monatelang ist der Mann drei Stunden vor Arbeitsbeginn aufgestanden und hat sich allein um seine Frau gekümmert. Nun hat er bei einer privaten Initiative stundenweise Helfer gefunden. Doch ihm bleibt die Pflege abends, wenn er von der Arbeit zurückkehrt. Kurz vor Mitternacht kommt er ins Bett, morgens um halb fünf muß er raus.

Der Schlosser zeigt mir ein Schreiben seiner Krankenkasse. Seine Bitte um Übernahme der Pflegekosten ist darin in zwei Schreibmaschinenzeilen beantwortet: "Eine Prüfung unserer Kasse hat ergeben, daß für Sie die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen nach § 53 SGB V für die Schwerpflegebedürftigkeit gegeben sind." Das Schreiben enthält keinen Hinweis, daß mit dem Kürzel SGB V das fünfte Buch (V) des Sozialgesetzbuches (SGB) gemeint ist, das die gesetzliche Krankenversicherung zum Inhalt hat. Kein Wort auch an die ahnungslosen Eheleute, daß der genannte Paragraph die sogenannte Vertretungspflege regelt: Seit 1990 können pflegende Angehörige, die durch Krankheit ausfallen oder einmal Urlaub machen wollen, bei ihrer Kasse eine Vertretungspflege beantragen. Sie wird für höchstens vier Wochen bezahlt und darf maximal 1800 Mark kosten. Damit ist dem Ehepaar, das jeden Tag im Jahr Hilfe braucht, natürlich nicht geholfen.

In der Bundesrepublik gibt es mehr als zwei Millionen Pflegebedürftige. 250 000 leben in Heimen. Die anderen werden zu Hause gepflegt. Mindestens 600 000, wenn nicht gar 900 000, gelten als schwer- und schwerstpflegebedürftig. Wer durch Alter oder Krankheit pflegebedürftig wird, ist aber nur im Ausnahmefall versichert und muß selbst die Kosten seiner Pflege aufbringen. Da nur wenige ihre Pflege bezahlen können, werden sie ein Fall für das Sozialamt.