Von Gerhard Paul

Zwei Jäger aus Montagne hätten im Wald von Caugnet die Leiche eines Mannes gefunden, meldeten französische Zeitungen am 22. Oktober 1940 aus Saint Marcellin in der Nähe von Grenoble. Nach Angaben der Gendarmerie handele es sich um den 51jährigen Willi Münzenberg aus Erfurt. Der Tote, so hieß es später, habe sich mit einer dünnen Hanfschnur, wie sie beim Zusammenbinden von Erntegarben benutzt werde, an einem Baum erhängt.

Zweifel an der polizeilichen Selbstmordversion tauchten schon bald auf, denn nur wenige Wochen zuvor war das Bild des von Stalins Häschern ermordeten Leo Trotzkij um die Welt gegangen. Die Photographie lieferte einen Interpretationshinweis, was mit jenem Mann geschehen sein konnte, der da bei Montagne tot aufgefunden worden war und kurz zuvor den sowjetischen Diktator als „Verräter“ am Sozialismus attackiert und offen zu dessen Sturz aufgerufen hatte. Bestärkt wurden die Zweifler, als die Kommunistische Partei Frankreichs das Gerücht verbreitete, der Emigrant Münzenberg sei ein Polizeispitzel gewesen und der Rache für den Verrat an Genossen zum Opfer gefallen.

Nach dem Krieg geriet die Diskussion über den Tod Münzenbergs in den Strudel der politischen Auseinandersetzung. Obwohl sich für die These vom Fememord keine Belege fanden, wurde sie von Freunden Münzenbergs und seiner Lebensgefährtin Babette Groß eifrig propagiert und fand Eingang in viele historische Darstellungen. Sie fügte sich gut ein in die publizistischen Attacken des Kalten Krieges.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf, bestritten DDR-Autoren demgegenüber stereotyp die Verantwortlichkeit Stalins. Die Möglichkeit, daß Münzenberg an der verfehlten Politik der Exil-KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) und an Stalins Pakt mit Hitler zerbrochen sein könnte, sperrte sich ihrem Vorstellungsvermögen. Da die Partei bekanntlich immer recht hatte, konnte sich nur der einzelne geirrt haben. Ausschließlich negative persönliche Charaktereigenschaften, vor allem sein Geltungsdrang wurden als Ursachen für Münzenbergs Bruch mit dem parteioffiziellen Marxismus/Leninismus angeführt.

Die vorläufig letzte Version präsentierte 1988 der DDR-Journalist Gerhard Leo, der mit der Neuigkeit aufwartete, sein Vater – der Strafverteidiger Dr. Wilhelm Leo – habe Münzenberg auf der Flucht vor den deutschen Truppen bis nach Montagne begleitet, den völlig erschöpften und demoralisierten Gefährten dann zurückgelassen und Stunden später am Waldrand erhängt aufgefunden.

Die Schriften Münzenbergs, die nach 1937 erschienen, lassen jedoch erkennen, daß der „rote Hugenberg“ der Weimarer Republik, wie er gelegentlich in Anspielung auf den deutschnationalen Medienkonzernchef genannt wurde, einen politischen Lernprozeß durchlebt hat, der in einer tiefen psychischen Krise endete. Aus einem glühenden Verehrer Stalins wurde innerhalb weniger Monate ein leidenschaftlicher Gegner der stalinisierten KPD und ihres sowjetischen Vordenkers. Illusionen und Träume waren zerbrochen, soziale Bindungen zerstört; die private wie die politische Zukunft Münzenbergs erschien nach der deutschen Invasion in Frankreich hoffnungslos verstellt.