Seitdem der deutsch-deutsche Staatsvertrag unter Dach und Fach ist, fühlen sich Frankfurts Börsianer bullish. Dieser Optimismus, symbolisiert durch den Bullen, führte in den vergangenen Tagen zu einem Kursaufschwung, wie ihn der deutsche Aktienmarkt schon lange nicht mehr erlebt hat. Ohne Unterbrechung kletterte der Deutsche Aktienindex (Dax) eine gute Woche lang nach oben. Auch Kursrückschläge in New York und Tokio konnten die deutsche Mini-Hausse nicht bremsen.

Erst am Dienstag dieser Woche kam es dann zu einer Konsolidierung. Viele hatten sie bereits herbeigesehnt, denn ein Durchmarsch bis zum 1. Juli wäre ein denkbar schlechter Börsenstart in die Währungsunion gewesen. Zu einem anhaltenden, soliden Kursaufschwung gehören nämlich regelmäßige Bereinigungsphasen, in der ängstliche Aktionäre ihre Papiere abgeben. Händler an der Frankfurter Börse wünschten sich am Dienstag sogar, daß die Konsolidierung noch etwas andauern möge, damit man von einem gesunden Fundament aus in die nächste Woche starten könne.

Der jüngste Kursaufschwung brachte den Dax innerhalb von fünf Tagen um über fünf Prozent nach oben. Einige Werte mit „DDR-Phantasie“ legten gar um mehr als zehn Prozent zu. Und auch Standardaktien wie Siemens und Deutsche Bank lagen mit einem Plus von 6,5 Prozent über dem Durchschnitt. Das große Interesse an diesen international bekannten Werten läßt darauf schließen, daß viele Käufer aus dem Ausland dabei waren. Offenbar werden auch dort die Chancen der deutschen Vereinigung höher eingeschätzt als die Risiken. In Frankfurt rechnet man damit, daß das ausländische Interesse an deutschen Aktien weiter wächst.

Für eine Fortsetzung der freundlichen Kurstendenz sprechen auch die günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Während die Preise in anderen Industrieländern teils kräftig anziehen, liegt die deutsche Inflationsrate bei moderaten 2,3 bis 2,5 Prozentpunkten. Das Geldmengenwachstum ist sogar rückläufig. Selbst die Einführung der D-Mark in der DDR dürfte da leicht zu verkraften sein. Und auch die politische Wetterlage wird in den traditionell eher konservativ eingestellten Börsianerkreisen als günstig bezeichnet. Die Debatte um den Staatsvertrag habe gezeigt, wie schwach die Opposition derzeit ist. Dies, so vermuten Börsianer, mache es der christlich-liberalen Regierung recht leicht, die deutsche Einheit nach ihren Vorstellungen zu verwirklichen. per