Von Martin Ahrends

Andrzej Szczypiorski ist 1924 in Warschau geboren; seinen ersten Deutschen bekommt er im Oktober 1939 zu Gesicht. Warschau ist zerbombt, er kommt mit Wassereimern von der Weichsel, weil auch die Wasserleitung nicht mehr funktioniert. Warschau ist um Jahrzehnte zurückgeworfen, da erscheint dieser „unerhört vornehme General“ und will mit dem Vater des Halbwüchsigen sprechen.

Der polnische Junge in der feschen Schüleruniform bekommt ein Bonbon angeboten, und der Sieger nimmt es nicht für ehrenrührig, daß der Besiegte seine Gabe abweist; Szczypiorski schildert eine kleine Szene „unter Männern“, bei der es auf eine Art zugeht, die man wohl als „ritterlich“ bezeichnen muß.

Der Vater, ein Kommandant der polnischen Bürgerwehr, erhält die Aufforderung, sich bei den Behörden der Wehrmacht zu melden. Er nimmt es gelassen. Die Zeit zwischen 1933 und 1939 hatte die Überzeugung der Polen nicht erschüttert, die Deutschen seien Deutsche geblieben, mithin das zivilisierteste Volk des Kontinents – so schildert Szczypiorski die Stimmungslage vor Kriegsausbruch.

Nach dem Überfall auf Polen dämmerte dem besiegten Volk erst allmählich, was geschehen war. „Die Leute erwarteten schwere Zeiten, wie das im Dasein eines besiegten Volkes zu sein pflegt, doch kaum jemand sah die Hölle voraus. Sogar die Warschauer Juden blieben ruhig. Das ist verständlich, denn die Juden fühlten sich zu den Deutschen stark hingezogen. Deutschland war die große, unglückliche Liebe aller Juden Europas. Hitler war Hitler, aber Deutschland Deutschland...“ Deshalb spricht auch sein Vater von den Siegern ohne wütende Feindseligkeit, er verehrt ihre Kultur, er schätzt ihre Institutionen, ihre Wirtschaft; die Deutschen, das ist für ihn Europa, er kann sie nicht hassen, ohne seinen Glauben an Europa zu verraten... „Niemand machte sich klar“, schreibt Andrzej Szczypiorski, „daß damals Europa starb.“

Die „Notizen zum Stand der Dinge“ sind nach der Verhängung des Kriegszustandes in Polen entstanden; noch in der Nacht des 13. Dezember 1981 wurde Szczypiorski verhaftet und interniert. In der Internierung entstanden die ersten Notizen, sie wurden nach der Entlassung in „relativer Freiheit“ weitergeführt. Es sind sehr persönliche Texte, die ein Ende beschreiben und darin einen Anfang erkennen lassen. Die „Notizen“ sind die Selbstvergewisserung eines Europäers, die so vielleicht nur in Polen möglich war. Wenn er den Schock, die Bestürzung beschreibt, die das Kriegsrecht und die Verhaftung auslösten, schildert er auch, welche Nähe und Solidarität es unter den Familien der Verhafteten gab, wie man einander noch in der Nacht verständigte, sich traf, zusammensaß und jenen Zusammenhalt entwickelte, an dem staatliche Zwangsmaßnahmen letztendlich scheitern mußten.

Szczypiorski ist fern jeder heroischen Verklärung des Widerstandes. Er schildert vielmehr die Umkehrung der Perspektive des Gefangenendaseins als Internierter in den Achtzigern, indem er es mit seinem Häftlingsdasein im KZ Sachsenhausen vergleicht. Damals, schreibt er, habe es die Perspektive nach vorn gegeben, die Hoffnung auf das Kriegsende. Die Internierung aber war vergiftet vom Gedanken an die Zukunft, die sich in ein unbefristetes graues Gallert verwandelt hatte, eine Zeit des Abwartens, die nicht unerträglich genug war, um irgendwann enden zu müssen. Er bekam Urlaub nach Hause, und Freiheit und Unfreiheit mischten sich bis zur bedrückenden Ununterscheidbarkeit. Man hatte ja allzeit zu essen und zu rauchen; was fehlte, war Sinn. In einer Zeit, da er totgeschwiegen wird, klärt Szczypiorski die Grundlagen seiner Daseinsberechtigung als Schriftsteller und seiner geistigen Existenz.