ZDF, Dienstag, 3.Juli, 22.15 Uhr: „Stasi – Terror im Auftrag der Partei“

Der Mitautor des Films, Alois Theisen, sagt, daß man sich als West-Journalist schämen müsse angesichts der Greuel, die nun in der DDR aufgedeckt werden. Zum Beispiel, daß es seit den fünfziger Jahren Hunderte von Entführungen gab, Stasi-Kidnapping: Da wurden Leute in den Osten entführt, dort verurteilt und ins Gefängnis gesteckt. Oder andere, viel harmlosere, viel subtilere Geschichten, von denen es gewiß auch Hunderte gibt: Wie jemand über Jahre drangsaliert wird mit mysteriösen Zwischenfällen, die natürlich keine Kriminalpolizei aufklären kann – bis er endlich begreift und unterschreibt.

Zitat aus einer Dienstanweisung Erich Mielkes: „... systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf der Grundlage miteinander verbundener wahrer sowie unwahrer Angaben. Systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Mißerfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens ...“ Jemand unternimmt sein Regie-Debüt an einem DDR-Theater und wird von einem der mitwirkenden Schauspieler schließlich zur Aufgabe gezwungen. Er hält sich nun für unfähig, Regie zu führen, gibt das Theater auf und würde jedem, der ihm damals die Wahrheit erzählt hätte, einen Vogel gezeigt haben: „Ich leide doch nicht an Verfolgungswahn.“

Solche Stasi-Storys sind nicht nur im Westen unglaublich, sie waren es auch für die, denen sie zustießen: aus Gründen der Psycho-Hygiene. Jemand lebt über Jahre mit einer Frau zusammen, die ihn im Auftrag geheiratet hat. Kann man dem ins Auge sehen, ohne verrückt zu werden? Kann man einer Institution ein so absurd übertriebenes Informationsbedürfnis zutrauen? Durch ihre „unglaubliche“ Praxis war die Stasi ganz gut gegen Veröffentlichungen gesichert. Nun ist es umgekehrt: Gerade das „Unglaubliche“, das Mysteriöse, das Gruselig-Märchenhafte macht die Behörde im Westen so interessant. Vordem las man von mörderisch-perversen Mönchen und Parfümherstellern, von Cholera und Sadismus, um der Seele das Futter zu geben, das sie im bundesrepublikanischen Alltag nicht mehr finden konnte. Nun liefert die DDR alle nötigen Horrorbilder.

Hat das mit nachgeholter Information zu tun? Oder ist es vielleicht genauso albern wie dieses Buch vom „Parfüm“? Auch Christa Wolfs neueste Erzählung lebt von dem „Ereignis“ der Überwachung, das allenthalben zum Gesprächsstoff, zum Lebensmittel geworden war, und von den „brennenden Fragen“, die sich anschlössen: Was wissen sie von mir, wer ist dabei, wem kann man noch trauen?

Ost und West sind sich in dieser müden Sattheit recht nahe, und es ist so weit gekommen, daß man sich hier wie dort am Bild eines Mittfünfziger-Papis delektiert, der im Trainingsanzug vorm Neubaublock steht und nichtssagend herumstottert, denn er ist ein Stasi-Major, ein leibhaftiger Fangarm. Dabei könnte gerade dieses Bild uns lehren, daß die Stasi an sich pure Banalität bedeutet und nur so groß und herrlich ward durch eine allgemeine Sehnsucht nach Dunkelheit, Verderbtheit, nach dem Bösen. Die Stasi ist in uns, und wäre sie es nicht, sie wäre längst vergessen.

Martin Ahrends