Von Gabriele Riedle

Undenkbar, den Berlinern auch kulturell jetzt noch mit etwas zu kommen, was nicht „vor kurzem undenkbar gewesen wäre“. Mindestens! Jedes Sonntagnachmittags-Joint-venture von Musikschul-Flötengruppen aus Ost und West erfüllt schließlich schon diese Bedingung. Prenzlauer Berg (Ost) flötet mit Musikschule Wilmersdorf (West): bisher eine statusrechtliche Unvorstellbarkeit. Aber nun leider schon ziemlich normal. Weshalb jetzt das Undenkbare dringend nach einer Steigerung verlangt.

„Undenkbarer“ schien es wohl beispielsweise, den ehemaligen Todesstreifen überhaupt jemals zu betreten, und schon gar nicht freiwillig und ohne Not zur Pflege des SchönenWahrenGuten. Am „allerundenkbarsten“ ist es gewiß, auf Nazibunkern und Weltreichstrümmerland bei Musik und Theater zu tanzen und zu singen.

Aber wenn man das Beste will, muß man wohl das Undenkbarste wählen: Auf solchem Areal zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz sollen im Juli zwei Wohltätigkeitskonzerte zur Gründung von zwei Stiftungen stattfinden. Das eine am 7. Juli, klassisch und zum Wohle junger Künstler, Gustav Mahlers „Auferstehungssymphonie“, dirigiert von Lorin Maazel. Das andere, die legendäre Rockshow „The Wall“ mit dem Ex-Pink-Floyd-Leader Roger Waters, zur Rettung von Katastrophenopfern zwei Wochen später am 21. Juli.

Zu diesem und nur zu diesem sehr guten Zweck hatte der Ostberliner Magistrat seinen Beschluß ausgesetzt, nach den silvesternächtlichen Zerstörungen des Brandenburger Tores in dessen Nähe keine Großveranstaltungen mehr zu genehmigen. Mitarbeiter wollen sogar wissen, daß Ministerpräsident Lothar de Maizière nicht ganz unbeteiligt an dieser Großzügigkeit gewesen sei.

Früher gehörte das in Frage stehende und bis dato unter Volksarmeehoheit befindliche Grenzgebiet zwischen dem berühmten und heute in West-Berlin gelegenen Potsdamer Platz, dem jenseits der Grenze östlich anschließenden Leipziger Platz und dem vielleicht 500 Meter weiter nördlich gelegenen Brandenburger Tor zum Regierungsviertel des „tausendjährigen Reichs“. Hier stand Hitlers Neue Reichskanzlei an der Voßstraße. An der Wilhelmstraße, der heutigen Otto-Grotewohl-Straße, zogen sich bis zum Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor die Gebäude der Ministerien entlang; hinter ihnen großzügige Gärten, die bis zur Friedrich-Ebert-Straße am Rande des Tiergartens reichten.

Nichts davon ist übriggeblieben – verbrannte Erde. Fünfundvierzig Jahre nach dem Weltreichsuntergang hat das Dickicht des Tiergartens die steinernen Gehwegplatten der Ebert-Straße gesprengt und sich bis an die Mauer vorgeschoben, die dort neulich noch auf den alten Straßenbahngleisen stand.